2555 Pennsylvania Avenue – Die letzte…- und die erste Bismarck 99

So, das Abenteuer USA ist also vorerst vorbei. Wenn ich dies schreibe, sitze ich schon nicht mehr in der 2555 Pennsylvania Avenue, sondern in der Bismarck 99. Ich sitze nicht mehr auf meinem amerikanischen Sofa und gucke mir Amerika an, sondern ich sitze auf meinem Berliner Sofa und gucke mir Amerika an. Natürlich sehe ich es mit anderen Augen als ein Jahr zuvor und – natürlich stimmen alle negativen wie positiven Klischees über dieses Land, das nach wie vor die wichtigste Projektionsfläche für „Old Europe“ ist. Politisch wie kulturell. Machen wir uns nichts vor.



Letzte Woche war der 40. Jahrestag der Mondlandung. Ich saß als kleines Mädchen vor dem Schwarz-Weiß-Fernseher, der 2 Tage lang dauernd lief und kann mich gut erinnern, welche Aufregung in der Erwachsenenwelt herrschte. Meine Großmutter sang „Nur der Mann im Mond schaut zu“ und lachte etwas hysterisch, und mein Vater sagte so etwas wie: Das schaffen natürlich nur die Amerikaner, - als ob es 1957 keinen „Sputnik-Schock“ gegeben hätte. Mit noch nicht einmal 6 Jahren hatte ich natürlich keine Ahnung vom ideologischen Wettlauf in Zeiten des Kalten Krieges, aber ich begriff, dass diese komisch aussehenden Mondmännchen mit der amerikanischen Flagge etwas Besonderes waren. Dann folgten Flipper, die Sesamstraße, die Barbiepuppen, Saturday Night Fever, The Doors, Aerobic, Michael Jackson, - soweit die pubertierenden Projektionsflächen. Und ich rede hier nicht von politischen Dingen, von den „Sit in’s“ und „Hearings“ der 80er Jahre.

Amerika ist immer noch eine Trendmaschine. Wer ist noch ohne I-Phone und I-Pod in der Welt der unter 40jährigen? Wer revolutioniert das Fernsehen (und die Medien) mit neuen News Shows, die wir alle abkupfern – leider auch noch schlecht, muss man manchmal sagen, so wie beim neuen ZDF-Studio: Fernsehen für Analphabeten. Wer hat das Internet im Wahlkampf eingesetzt wie keiner zuvor? Barack Obama hat das Web als politische Kommunikationsform perfektioniert, Web 2.0 eben. Man kann das alles gut oder eben „typisch amerikanisch oberflächlich“ finden. Tatsache ist: Es beeinflusst unser Leben.

Ich habe letztes Jahr in kleinen Kampagnen-Büros der Demokraten erlebt, wie der Wahlkampf-Apparat von Obama funktioniert: Ein Heer von Freiwilligen hing monatelang am Telefon oder rannte von Tür zu Tür. Aber das wesentliche war das Internet: Hier haben sich die „Schwulen für Obama“ aus Fairfax verabredet, die „Mütter für den Wandel“ und die „Hauptstadt-Hispanics“ und alle haben diesen pseudo-persönlichen Brief „Dear Nana, - I count on you, Barack“ bekommen. Natürlich glaubte kein Mensch, dass Barack Obama diese Emails auch nur geschrieben hatte. Aber sie waren Teil eines Konzeptes, dass im Wesentlichen auf Kommunikation setzte, nach dem Motto. Wir wollen wissen, was Du denkst. Da wirken die rührenden Web-Tagebücher unserer Abgeordneten wie Poesiealben.

Es gibt zu jedem „Wow“ in Amerika natürlich ein Aber. Nach jedem Wolkenbruch fällt gern mal der Strom aus, was niemanden verwundert, der sich die Überlandstromleitungen ansieht, die mehr abstrakten Kunstwerken ähneln. Das angeblich modernste Land der Welt schickt zwar bald Menschen auf dem Mars, - aber das Wasser läuft in ozeanischen Wellen über die Straßen, weil die Kanalisation überfordert ist – oder gar nicht da. Es ist praktisch aussichtslos, ein Auto mit einem Spritverbrauch von unter 10 Litern zu kaufen. Und man kann jeden nur warnen, in die Notaufnahme selbst eines guten Universitätsklinikums zu gehen. Überhaupt das Gesundheitssystem! Die Amerikaner bezeichnen unseres genüsslich als „sozialistisch“. Mit dem Gesundheitswesen ist es wie mit den Stromleitungen: Was allen gehört – oder besser allen zu gute kommt – interessiert nicht. Individualismus pur. Ich bin gespannt, ob Obamas Solidaritäts-Masche daran etwas ändert.

Apropo Individualismus: Ich habe in keinem europäischen Land so eine bürokratische Regelwut erlebt wie hier. Und ich dachte, ein deutscher Rathausflur mit seiner „Beantragungsstelle für die Erwerbung eines Berechtigungsscheins“ sei nicht wirklich zu toppen. Auto anmelden in Washington? Ohne Social Security Number und Unterschrift des Vermieters ein vergebliches Unterfangen. Auch dann dauert es mindestens einen Tag. Als Lektüre sehr zu empfehlen ist das „parent handbook“ des Kindergartens, das auf 50 (!) Seiten auflistet, was alles nicht erlaubt ist, - also Schlagen, Nahrungsentzug, bis hin zu „Vermeiden Sie, dass Ihr Kind Spülmittel trinkt“. Eine der letzten Absätze hatte ich erst übersehen: Erst mit vier Jahren sollen Kinder auf der Straße allein laufen. An der Hand natürlich oder an einer Art Kinderleine, wie sie jetzt sehr modern sind in Washington – und bestimmt bald bei uns.

Okay wir können jetzt auch noch vom Essen reden. Von diesen tollen Restaurants, in denen man sofort nach dem Essen die Rechnung auf den Tisch geknallt bekommt. Schließlich bringt der nächste Gast auch noch Profit. Oder von der privaten Essenskultur. Es gibt alles zu kaufen - wirklich alles –, aber am liebsten geht man zum BBQ, - drauf, rein, fertig. Wir hatten dutzende solcher Einladungen…Das vergessen wir mal schnell.

Ja sie sind eben schnell. Schneller als andere. Auch wenn es darum geht, sich selbst zu korrigieren. Wenn auch nur verbal. Obamas weltweiter „Kuschel-Talk“ hat die Deutschen so weit eingelullt, dass sie laut jüngsten Umfragen am liebsten überlaufen würden. Dass die Amerikaner zum Beispiel in Afghanistan entgegen ihrer Schmuse-Rhetorik die Dinge zu allererst selbst in die Hand nehmen, ist den meisten hier überhaupt nicht bewusst. Aber das ist ja auch bequem so.

Nein, keine Häme. Ich sehe mit einigermaßen skeptischer Bewunderung auf die Konsequenz der Amerikaner, mit der sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, - da haben wir Deutsche noch nicht einmal den Titel für die Arbeitsgruppe gefunden. Kaum krachten die Banken, fanden sich die arbeitslosen Banker bei „After Work“-Job-Börsen. Diese „Hilf Dir selbst, sonst hilft Dir keiner“ – Mentalität kann nur haben, wer den Staat zutiefst verachtet. Da kommt man sich als Deutsche schon mal geradezu staatshörig vor.

Vielleicht ist es diese Dialektik zwischen unglaublicher Modernität und darwinistischem Beharrungsvermögen, die es so anstrengend macht, in diesem Land zu leben. Es so gar nicht „gemütlich“, - naja bestimmt gibt es in Neu-England oder Kalifornien oder irgendwo im Mittleren Westen schnucklige Ecken, ganz sicher. – Bye Bye Du Land meiner (Alp-)Träume, - ich komme wieder. Ich kann gar nicht anders.

30.7.09 13:43, kommentieren

2555 Pennsylvania Avenue – Las Vegas – die Unterhaltungsmaschine

Las Vegas ist nichts für Amerika-Anfänger. Spätestens von meinem amerikanischen Wohnzimmer im beschaulichen Washington wird mir das klar. Las Vegas ist das Superklischee oder boshaft gesagt: die Quintessenz von Amerika auf ein paar Quadratkilometern. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Eine geschichtslose, zeitlose, perfekte Konsum- und Illusionsmaschine. Genau das will Las Vegas sein. Wer das nicht gut findet, hat hier nichts verloren. Schlimmer noch: Wer nicht mitspielt hat verloren und das ist so ungefähr das Schlimmste, was einem in diesem Amerika passieren kann.

Es gibt keine langsame Annäherung an diese Stadt. Sie muss irgendwann einmal als Ufo hier in der Sandwüste von Nevada gelandet sein, so wie das Flugzeug, das plötzlich in eine Suppenschüssel aus mattbraunen Bergen eintaucht, in deren Mitte die Skyline von New York, Venedig und Athen auftaucht. Sonst sieht man nichts, - nur Berge und Stadt. Am Boden angekommen, frisst mich die Stadt sofort auf. Das Taxi stürzt sich in die krakenähnlichen Lichterkettenarme und rast an blinkenden Reklamewänden vorbei zum Strip, dem Boulevard. Im größten Disneyland für Erwachsene gibt es keine Häuser, sondern nur Hotels, gigantische Betonmassen in Form von mittelalterlichen Burgen, europäischen Palästen oder einfach nur gläsernen Würfeln. Vom Weltraum aus, sagt man, ist Las Vegas der hellste Punkt auf der Erde.

Überflüssig zu sagen, dass die Unterhaltungsmaschine Tag und Nacht läuft. Wobei sie nachts einfach besser aussieht, weil die letzten Grautöne verschwinden. In den großen Hotels löst sich der Unterschied zwischen Tag und Nacht auf. Las Vegas hat keine Zeit. Im Hotel „New York New York“ hat sich um die zentrale Casino-Halle strahlenförmig ein Kulissen - New York ausgebreitet mit Geschäften, Bars, Restaurant, die mich davon abhalten sollen, das Etablissement zu verlassen. Gib Dein Geld hier aus! - schreit es aus allen Ecken, hier an der Hot Dog Bude, gleich neben den einarmigen Banditen, zwischen den brüllenden Lautsprechern oder Bildschirmwänden mit aktuellen Baseball-Spielen.

Nebenan im „Bellagio“ – es hat 3933 Zimmern, mehr als das italienische Dorf gleichen Namens Einwohner – kann man in den Stores von Hermes, Fendi oder Chanel mit Chips bezahlen und bei der Anprobe auf den riesigen Springbrunnen blicken, der – mitten in der Wüste – jede volle Stunde Fontänen spuckt, die so hoch sind wie das höchste Hotel. Als Berliner Großstadtpflanze fühle ich mich hier wie ein Gänseblümchen, reiße die Augen auf und laufe am Eiffelturm vorbei, am Arc de Triumph, am Casino von Monte Carlo und lande in Venedig.

Das Hotel „Venetian“ hat sich einen eigenen kleinen Dogenpalast gebaut, mit üppigen Ornamenten und Wasserspielen und Kanälen, auf denen Gondeln mit echten Menschen und falschen Gondolieris fahren. Die Touristen werfen Geld ins Wasser. Der Himmel färbt sich je nach Tageszeit blau oder abendrot; man sitzt in einer Trattoria und blickt auf schicke Boutiquen.

„Sieht das nicht aus wie Venedig?“, sagt eine amerikanische Bekannte. „Da musst du gar nicht mehr hinfahren, ist doch hier viel besser“. Natürlich. Es ist keimfrei und aseptisch. Es riecht nicht nach Fisch, Abfällen, und brackigem Wasser. Und nicht nach Kaffee, Wein – und natürlich gibt es keine Kerzen auf den Tischen. Sicherheitsrisiko. Für den Amerikaner, der – zumindest wenn er vom Land kommt – nicht sonderlich gern reist, eigentlich ideal.

Ich habe natürlich erst nicht verstanden, warum sich hunderttausende Menschen den ganzen Tag über durch den Casino-Dschungel schieben. Las Vegas hat 40 Millionen Besucher im Jahr. Collegegruppen, Bowlingclubs, Firmenausflügler, Heiratswillige und Herscharen von Kinderwagen bevölkern die Stadt zu jeder Tages- und Nachtzeit. Nach 12 Stunden habe ich es verstanden: Hier darf man alles, was man sonst nicht darf. Die amerikanische Prüderie ist außer Kraft gesetzt.

Menschen laufen mit Bierflaschen und Plastikcocktailgläser über den Strip. Fast jeder raucht und flippt die Kippen auf die Straße. Rund um die Uhr ist Spielstunde, keine Sperrstunde und die Mädchen tragen die kürzesten Minis, die ich je gesehen habe. „Sin City“: Mexikanische Straßenjungs in knallbunten T-Shirts – „Girls near by you!“ – reichen kleine Plastikkarten mit – komplett nackten Mädchen und Telefonnummer an die Passanten. Alles schreit und brüllt nach Sex, auf der Straße, in den Casinos, an den Bar-Theken. Sex. Sex. Sex. Money. Money. Money - Wie gesagt: Nichts für Anfänger.

1 Kommentar 21.5.09 23:55, kommentieren

Einspruch: Der Saubermann und die Folter

Der Saubermann ist hundert Tage im Amt und – seine Weste hat Flecken. Das war eigentlich klar. Als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika kann man keine weiße Weste behalten. Vielleicht eine Sekunde lang. Dazu gibt es zuviel Dreckwäsche. Es kommt also eher darauf an, bei welchem Thema der Präsident sein Saubermann-Image eintrübt. Barack Obama hat mit der Veröffentlichung von vier CIA-Dokumenten, die Foltermethoden bei der Befragung von Terrorverdächtigen enthüllen, immerhin hoch gegriffen. Es geht um nichts weniger als die demokratische Integrität der USA und die Frage, was zählt mehr: Menschenrechte oder politische Stabilität zuhause und nationale Sicherheit?
Obama hat die Frage eindeutig beantwortet. So eindeutig wie jeder amerikanische Präsident vor ihm.

Nüchtern betrachtet, war es ein kühner politischer Schachzug. Gemäß seines Versprechens, keinen Bush-mäßigen „war on terror“ zu führen, warf der Präsident seine Autorität in die Waagschale und stimmte einer Herausgabe der CIA-Memos zu. Tapfer, tapfer könnte man meinen. Ehrenvoll, ja zutiefst demokratisch. Aber: Er amnestierte nicht nur die CIA-Mitarbeiter, sondern lehnte in gleichem Atemzug auch eine so genannte „Wahrheitskommission“ ab, die beim Kongress, also dem Parlament, also dem eigentlichen demokratischen Organ, angesiedelt sein soll.

Obamas Begründung enthüllt die Ängste, die sein Stab im Weißen Haus schon vor der Veröffentlichung der brisanten Dokumente gehabt haben muss: „Wir wollen nach vorne blicken, nicht nach hinten“. Ängste vor einer nationalen Sicherheitsdebatte – nicht nur mit den Republikanern und Hardlinern – die von seinen eigentlichen Zielen in der Gesundheits- und Klimapolitik ablenken. Und, so brachte es ein anonymer Präsidentenberater auf den Punkt: „Diese publicity können wir auch im Nahen Osten überhaupt nicht gebrauchen“.

Obama hat sich für eine Veröffentlichung entschieden, aber gegen eine Diskussion. Wir hätten da aber noch ein paar mehr Fragen. Angeblich sollen die Spitzen der CIA und die engen Berater der Regierungsverantwortlichen von den Memos nichts gewusst haben. Oder wollten sie nicht? Oder sollten sie nicht? Und wieso spielten die Aussagen von Militärberatern keine Rolle, die – mal ganz abgesehen vom moralischen Standpunkt – vor dem simulierten Ersticken („waterboarding“) gewarnt haben: Bringt nichts außer unverlässliche Äußerungen. Interessanterweise haben die USA ihre eigenen Soldaten verfolgt, die während des II. Weltkrieg in den Philippinen „waterboarding“ praktiziert haben, ebenso wie sie japanische Offiziere für diese Methoden angeklagt haben. Es gibt da noch mehr Fragen…

Natürlich ist die Sache unangenehm. Vor allem wenn man eigentlich nichts damit zu tun hat. Persönlich zumindest. Es ist auch nicht schön, gerade von einer – ziemlich erfolgreichen - Europa- und Südamerikareise zurückzukommen und diese Dreckwäsche vorzufinden. Ganz überlegter Taktiker - und er trifft überhaupt keine Entscheidung aus dem Bauch ! - hat sich Obama also auf ein kalkuliertes Manöver eingelassen, um seine Ziele wie die Reform des Gesundheitswesens nicht zu gefährden. Hier ein bisschen Saubermann – „Diese Methoden werden nie wieder angewandt!“ – aber bitte nicht zu sehr auf den Bush klopfen: Die Dreckwäsche, Kinder, die lassen wir mal lieber im Keller. Wir haben Euch jetzt ein paar blutige Hemden gezeigt, - Schwamm drüber. Natürlich weiß auch Obama, dass die Dreckwäsche zu stinken anfängt.

Es ist nämlich längst klar, dass viele aus Obamas demokratischer Partei, u.a. die Sprecherin des Kongresses, Nanci Pelosi, schon seit 2002 von diesen Methoden gewusst haben oder wie Pelosi ausdrückt: „Wir wussten nur, dass sie angewandt werden könnten, nicht dass sie tatsächlich angewandt wurden“. – Spätestens an dieser Stelle muss man sich als Europäer und besonders als Deutscher immer gern das Argument anhören: Aber wir waren ja kurz nach 9/11….Und wer sich im Krieg befindet – dem „war on terror“ – für den gelten andere Gesetze. Übrigens sagen noch heute über 50 Prozent aller Amerikaner, dass in Fragen der Terrorabwehr Folter erlaubt sein muss.
Ehrlich gesagt: Das Thema regt die Deutschen mehr auf als die Amerikaner.

Was lernen wir also unterm Strich: … siehe oben. Nichts Neues. Man muss es nur wissen.

28.4.09 23:19, kommentieren

2555 Pennsylvania Avenue – Der ganz „normale“ Hunger

Es gibt ein paar Dinge, die ich mir von meinem amerikanischen Sofa aus nicht so recht vorstellen kann. Nicht weil ich meine Zeitung nicht lese oder meine Augen nicht aufsperre. Nein, einfach weil ich sie nicht glauben will. Zu diesen Dingen gehört die Tatsache (und es handelt sich um eine Tatsache, nicht um eine Behauptung), dass in der Hauptstadt eines der reichsten Länder der Welt, jedes zweite Kind von Hunger oder Mangelernährung betroffen ist. Wie gesagt: Wir reden hier nicht von Mexiko City oder Kalkutta. Wir reden von Washington D.C.

Die Fakten: Wer als vierköpfige Familie über weniger als 22.050 $ Familieneinkommen verfügt, fällt in den USA unter die Armutsgrenze. Diese Zahl hat die US-Regierung festgelegt. Da sie allerdings aus dem Jahr 1965 stammt, nehmen viele Hilfsorganisationen eine andere Statistik: Wer weniger als 185 Prozent dieser Summe zur Verfügung hat (40.792 $), gilt als arm. Danach leben 48,2 Prozent aller Kinder unter 18 Jahren in der amerikanischen Hauptstadt in Armut. Landesweit sind es 36,4 Prozent. Über 56.000 Kinder in Washington D.C. – eines von zwei Kindern (!) – hat regelmäßig Hunger. Hunger.

„Ich kann nicht aufhören zu sagen: Das ist eine Schande für die Hauptstadt Amerikas!“. Lynn Brantley, die Leiterin der „Capital Area Food Bank“ ist normalerweise eine sehr zurückhaltende, überaus höfliche, ältere Dame. Seit fast 30 Jahren kämpft sie gegen diese Schande. Sie hat die Food Bank 1980 als gemeinnützige Organisation gegründet. „Hunger ist leider nichts außergewöhnliches in Washington“, sagt sie. Man kann allerdings nicht sagen, dass keiner hinsieht. Banken, Supermarktketten, Anwaltsfirmen, reiche Privatleute, - sie alle spenden 9,5 Millionen Dollar jährlich. Nur der Staat sieht nicht hin.

Von den mildtätigen Millionenspenden also bezahlt die Food Bank 77 Festangestellte, die über 700 lokale Partner – Suppenküchen, Kindergärten, Altersheime, kirchliche Einrichtungen - im Großraum Washington mit Essen versorgen. Jährlich erhalten 380.000 Menschen Essen von der Food Bank. Essen, das sie sich sonst nicht leisten könnten.

Ich treffe Lynn Brantley in ihrem engen, muffigen Büro der Food Bank in einem ziegelroten, heruntergekommenen, Industriegebäude unweit vom Stadtteil Capitol Hill. Unten in der riesigen Fabrikhalle sausen die Gabelstabler durch die Gänge und laden Gemüsedosen und Kartoffeln ab, die gerade mit einem LKW angekommen sind. Oben stapeln sich Kisten bis an die Decke, dazwischen sitzen eng gedrängt die Mitarbeiter in ihren winzigen Büroecken. Das Klingeln der „Hunger Hot Line“ gehört zum Grundgeräusch. „Die Anrufe haben sich um 151 Prozent gesteigert dieses Jahr“, sagt Lynn Brantley. „So schlimm war es noch nie“.

Und das Gesicht des Hungers hat sich geändert: „Ich sehe immer mehr intakte Familien mit Kindern, die Brown Bags mit Obst und Jogurt holen. Lebensmittel, die sie nicht mehr bezahlen können“. Arbeitslosigkeit, Überschuldung, Obdachlosigkeit - „das geht momentan sehr schnell“.

Zupackend wie sie ist, als ehemaliges Mitglied des „Civil Rights Movement“ – „Wir kannten Martin Luther King sehr gut!“ – sammelt Lynn jetzt 36 Millionen Dollar für ein neues Headquarter der Food Bank. Mehr Platz, mehr Essen, sagt sie. Als ich bei der Zahl von 36 Millionen erstaunt blicke, lacht sie. Sie habe schon 29 Millionen zusammen. Einflussreiche Lobbyfirmen, Bank of America, Stiftungen, - „viele wollen in der Krise helfen“, frei nach dem amerikanischen Motto: Tu Gutes und rede darüber.

Da Lynn Brantley ziemlich clever ist, durchschaut sie mich, als ich die Investition hinterfrage. Ja, dass sei natürlich für deutsche Ohren ziemlich unglaublich: 30 Millionen aus privater Hand für eine Food Bank! Ob man das Geld nicht besser in die Bekämpfung des Hungers stecken solle? Und ob man damit nicht eher staatliche Leistungen verhindere? „Staatliche Leistungen?“, sagt sie und guckt mich fragend an. „Ich beneide euch in Deutschland, da fällt keiner durch das Netz, aber wir sind hier in den USA“. Was heißt: Hilf Dir selbst, sonst hilft Dir keiner.

Dann zeigt Lynn Brantley einen Optimismus, der mich schon so oft hier überrascht hat. „Aber es wird sich etwas ändern. Es ist nicht mehr so kalt im Weißen Haus. Da gibt es welche, die sich kümmern“. In diesem Fall eine ebenfalls sehr engagierte Frau, die einige Erfahrung mit kommunaler Arbeit hat. Schon zweimal war das Büro von Michelle Obama am Telefon und bat um Informationen. Die First Lady besucht regelmäßig Suppenküchen wie „Miriams Kitchen“ in der Hauptstadt. Oder Notunterkünfte für Washingtons 12.000 Obdachlose, ein Viertel davon sind Kinder. Am 29. April hat die First Lady einen Termin in Lynn Brantleys kleinem Büro. Die Presse ist ausgeschlossen. Das könnte ein gutes Zeichen sein.

www.capitalareafoodbank.org

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2555 Pennsylvania Avenue – Der Mann, der Michelle Obama begleitet

Gespannt werde ich dieser Tage auf meinem amerikanischen Sofa sitzen und darauf warten, dass er diesen Satz sagt: Ich bin der Mann, der Michelle Obama begleitet. Wahrscheinlich wird er ihn nicht sagen. Dafür sagen ihn alle Reporter seit Anfang dieser Woche. Der Satz stammt übrigens von Jack Kennedy, auch kein unattraktiver und wahrlich nicht unbedeutender amerikanischer Präsident. Da die Europäer, insbesondere die Franzosen, seiner Gattin Jackie so viel Aufmerksamkeit widmete, - um nicht zu sagen: sie anhimmelten – hätte Kennedy keine charmantere Replik finden können. Man schrieb das Jahr 1961. Die Zeiten waren alles andere als rosig. Die Welt stand vor einer politischen Zerreißprobe. Also so wie heute.



Da lohnt es sich schon mal, über die Oberarme einer Präsidentengattin zu sprechen. Über ihre ärmellosen Kleider, ihre farbenfrohen Kostüme, ihren modischen Mut. Ich blättere begeistert in den Modegazetten wie „Vogue“ oder Oprah Winfreys „O“- Magazin, auf denen sich eine sehr selbst-, wie modebewusste First Lady präsentiert. Wie schon Jackie kontrolliert auch Michelle ihr Image und zwar jedes Detail davon. Nichts ist Zufall und – alle wissen das. Es ist eben ein Unterschied, ob man als Mann oder als Frau die politische Bühne betritt. Es wird auch immer ein Unterschied bleiben und – das ist gut so.

Normalerweise verschwinden Präsidentengattinnen samt ihrer Weiblichkeit in hochgeschlossen, amorphen Kostümen. Jackie Kennedy war eine Ausnahme und ihre ärmellosen Etuikleider sind hinreißend. Bis heute. Womit wir bei den Oberarmen wären. Kein Mensch mokierte sich damals über die zarten Arme von Mrs. Kennedy. Spätestens seit Michelle Obama jedoch ärmellos ihren Gatten bei offiziellen Anlässen begleitet, hat sie eine Oberarm-Diskussion am Hals.

Vor allem konservative Blogger und Radiosender beschweren sich über zuviel Haut. Die Nachrichtenmaschine CNN analysiert die ausgearbeiteten Bi- und Trizepsmuskeln und „Slate“ kommt schließlich zu dem Schluss: Da die Arme einer Frau das letzte sind, was leidet, dürfen sie so lange wie möglich gezeigt werden. Yes, diese First Lady ist sexy. Erst recht mit 45. – Erstaunlich, dass Mann das immer erwähnen muss.

Es ist allerdings auch keine Kunst, als modebewusste amerikanische First Lady aufzufallen. Das Perlenkettengeschwader ihrer Vorgängerinnen in Präsidentengattinhellblau erforderte lediglich ein paar flotte ärmellose Cocktailkleider und ein wallendes, schulterfreies, weißes (!) Inaugurations-Kleid, - auf dessen Schleppe der Gatte auch gerne mal beim Tanz herumtrampeln durfte. So weit, so sympathisch.

Überhaupt finden alle Michelle Obama plötzlich toll. Rechtzeitig vor ihrer ersten Europareise erscheinen überall positive Umfragen. Ihre Beliebtheitsrate, schreibt die Washington Post, läge jetzt bei 76 Prozent (Barack: 61 Prozent), - eine Steigerung von 28 Prozent seit letzten Sommer. Zu diesem Zeitpunkt erreichte die Kritik an ihr einen Höhepunkt, weil sie dieses amerikanische Dauerlächeln noch nicht beherrschte. Weil sie sich über die herumfliegenden, dreckigen Socken ihres Mannes öffentlich ärgerte – ich meine, wer findet das schon schön? – und weil sie bekannte: „Ich bin zum ersten Mal stolz auf mein Land, - weil die Hoffnung zurückkommt!“. Dies über die „greatest nation on earth“ zu sagen, ist sozusagen ein „killer“. Egal ob man tolle Oberarme hat oder nicht.

Vorbei, vergessen. Jetzt zählt, dass Michelle Obama Washingtons Charity-Damen durch die miserablen öffentlichen Schulen der Hauptstadt scheucht und einen ökologischen Garten im Weißen Haus anlegt. Das sind die flankierenden Maßnahmen des präsidialen Programms für eine bessere Erziehung und mehr Umweltbewusstsein. Wer, wenn nicht die Obamas wissen, was es bedeutet, eine gute Erziehung zu erhalten. Konsequent also, dass Mrs. Obama in London eine Schule für unterprivilegierte Mädchen besucht. Chapeau.

Dass sie dabei modisch Farbe bekennt, - umso besser. Wer will schon eine graue Maus sehen, wie sie die Welt verändert. Und: Es gäbe dann nicht diese wunderbaren Webseiten über „Mrs O“, die jedes Outfit kommentiert. Trägt sie den neuen „recession chic“, also trägt sie ein Kleid zweimal? Wird sie die „fashionistas“ in Europa begeistern? Wird sie vielleicht sogar ihren Mann in den Schatten stellen? Der Mann, der Michelle Obama nach Europa begleitet, lacht wahrscheinlich über solche Spekulationen. Sie auch.

www.mrs-o.org

1.4.09 21:10, kommentieren

2555 Pennsylvania Avenue – Das Gorillamännchen und die Macht des Radios

Der Mann ist so populär, dass „Newsweek“ ihm einen Titel widmet, die Zeitungen ihn seit Tagen auf der Seite Eins thematisieren und der Präsident (seien wir genau und sagen: sein Stabschef und sein Pressesprecher) ihn sogar schon als neuen Star der Republikaner sehen. Rush Limbaugh, erfolgreicher, rechtskonservativer Radio-Moderator mit eigener Show hat sich letzte Woche mit einem Paukenschlag in die Debatte um die Wunden leckenden „Grand Old Party“ eingeschaltet.

Paukenschläge sind seine Spezialität. Entertainment auch. Auf der „Conservative Political Action Conference“, einer Art Basisveranstaltung der GOP, schlug sich Rush vor seinen kreischenden Fans mehrfach wie ein Gorillamännchen auf die Brust und malte den Teufel an die Wand: „Alle die, die Kapitalismus und Freiheit abschaffen wollen“. Der Präsident inbegriffen, weshalb Limbaugh das dringende Stoßgebet losschickte, „Obama möge scheitern“.

Das ist doch mal eine Aussage! Nicht einfach nur Krittelei am Stimulus-Paket, nein, gleich weg mit den ganzen sozialistischen Brüdern! Seine Zuhörerschaft soll sich daraufhin von 14 Millionen auf 24 Millionen diese Woche erhöht haben. Die republikanischen Parteigrößen hingegen sind sehr erschrocken und finden, Rush Limbaugh habe ihnen einen Bärendienst erwiesen. Wie unamerikanisch, zu wünschen, dass der Präsident scheitert! Dann haben sie dem entlaufenen Gorillamännchen auf die Pratzen geklopft und ihn wieder in seinen Show-Käfig geschickt.

Hat nicht funktioniert. Im Gegenteil! Nach dem Aufschrei der Basis und dem gewaltigen Presserummel haben sich einige hochmögende republikanische Funktionsträger sogar entschuldigt, dass sie Rush Limbaugh für einen „hässlichen Brandstifter“ halten. Was für ein Affenzirkus! Aber vielleicht lernen sie ja zwei Dinge. Erste Lektion: Unterschätze die Macht der Einschaltquoten nicht! Zweite Lektion: Unterschätze deine Wähler nicht!

Man kann Rush Limbaugh als Paradebeispiel des white ugly American sehen, man kann ihn für einen Brunnenvergifter und dreisten Aufschneider halten, aber in einer Hinsicht hat der Mann Recht. Er hat das Ohr wirklich bei seinen Zuhörer, - ganz im Gegensatz zur republikanischen Partei, die den Kontakt zu ihren Wähler weitgehend verloren hat. Limbaugh ist einer der wenigen Radio-Moderatoren, die landesweit senden. Über 600 Stationen übertragen seine Sendung jeden Tag und – so schätzt man – bis zu 14 Millionen Amerikaner hören ihn regelmäßig.

Meistens redet Limbaugh, als stünde der „Russe“ kurz vor Alaska. Der „Russe“ ist sehr beliebt hier, wie wir schon von Sarah Palin gelernt haben. Der „Russe“ ist sozusagen das Übel, das man von Alaska aus sieht. Während des Wahlkampfs hat der „Russe“ in Limbaughs Radio-Show natürlich dauernd gegen „Kapitalismus und Freiheit“ gekämpft, - was der „Russe“ halt so macht, wenn er an der Grenze zu Alaska steht. - Diese so genannten weißen „Talk Radios“ sind schon derbe Kost für unsere zarten deutschen, politisch-korrekten, Ohren. Und Rush Limbaugh ist der unbestrittene Star der Szene.

Und wer ihn nicht hört, der besucht seine Website. Auch ein ganz besonderes Erlebnis. „Debate me!“ steht dort in großen Lettern und gemeint ist die Aufforderung an Präsident Obama, in seine Show „with the last man standing“ zu kommen. Populistischer geht’s wohl kaum. Aber es geht noch geschmackloser. Seine Fans können das T-Shirt „Club Gitmo“ in Guantanamo-Orange kaufen mit der unmissverständlichen Aufschrift: „When America was safe“. Das waren tolle Zeiten für Gorillamännchen.

Rush Limbaugh ist so bekannt, dass der Name für seine Fans schon zu einem geflügelten Ausdruck geworden ist. Die „Dittoheads“ - im Sinne von: „Dito, ja, wir stimmen dir zu Rush“ (so die Zuhörer am Telefon live in seiner Sendung) - sind umgangssprachlich jene übergewichtigen, lauten, geschichtlich unempfindlichen wie politisch schmalspurigen, weißen Männer, über die der Filmemacher Michael Moore immer herzieht (wobei er ihnen erstaunlicherweise ähnelt, - natürlich nur rein physisch, versteht sich).

Einer geht in diesem Affenzauber jedenfalls als Sieger vom Platz: Das Gorillamännchen. Rush Limbaugh ist noch populärer – und im Zweifelfall reicher – geworden. Er gibt auch sein Bestes, er ist so „gut“ wie nie zuvor und die Schar seiner Freunde erweitert sich sozusagen stündlich. Haha, könnte man jetzt vorurteilen: Da versammeln sich also die ganzen rechtsgestrickten „Dittoheads“, die im Obamajubelgeschrei gerade unterzugehen drohen. Wie immer, ist das Leben grau. Eine interessante Umfrage (Pew Research Center) besagt, dass sich fast 80 Prozent seiner Zuhörer als „konservativ“ beschreiben.

www.rushlimbaugh.com

11.3.09 02:16, kommentieren

2555 Pennsylvania Avenue – Der „Überwachungsstaat“

Was ich an diesem Land besonders liebe: Ich werde ständig erinnert. Immerzu werde ich daran erinnert, etwas zu tun oder noch besser: etwas nicht zu tun. Im Lift zur Garage meines Supermarktes steht: Bitte lassen Sie keine persönlichen Gegenstände zurück. Das ist natürlich sehr nett, mich daran zu erinnern, meine Einkäufe mitzunehmen. An der Ampel zählt das grüne Männchen die Sekunden vor, die mir verbleiben, um die Straße zu überqueren. Bei Starbucks machte mich letzthin eine freundliche Bedienung darauf aufmerksam, dass mein Chai Tea Latte sehr heiß sein könnte. Auf meine Entgegnung, dass ich darum bitten würde, einen heißen Tee zu bekommen, blickte sie mich einigermaßen entsetzt an. Ich weiß: Starbucks oder irgendein anderer Kettenkaffeehersteller hat schon mal Millionen Schadenersatz gezahlt, weil sich jemand die Zunge verbrannt hat.

Es gehört zu den wunderbaren Widersprüchen im Land des unbegrenzten Individualismus, dass man lieber noch einmal darauf aufmerksam macht, wie gefährlich das Leben an sich ist. Besonders gefährlich ist es anscheinend für Kinder. Als ich das erste Mal den Buggy mit meiner damals 2jährigen Tochter in den Kindergarten schob, drückte mir die Betreuerin stirnrunzelnd einen mehrere Zentimeter dicken „Elternführer“ in die Hand mit der besonderen Bemerkung: Auf Seite Drei stünde, man müsse Kinder bis zu vier Jahren grundsätzlich im Kinderwagen anschnallen.

Es dauerte einige Zeit, bis mir auffiel, dass hier im gemütlichen Stadtteil Georgetown keine kleinen Kinder auf der Straße laufen. Weder an der Hand, geschweige denn frei. Auch nicht im Supermarkt oder in irgendeinem anderen Geschäft. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, - je nach Stimmung – freundlich oder genervt auf die Frage zu antworten: Ja, dieses Kind ist meine Tochter und ja, es geht ihr prima (wie man sieht). Meistens steht sie nur ein paar Zentimeter von mir entfernt. Eine deutsche Bekannte hier hat den schönen Begriff „Helicopter Parenting“ geprägt.

Erst kürzlich an einem lauen Wintertag sah ich sie wieder, die amerikanischen Helikoptermütter, wie sie im Sandkasten hinter ihren Spielkindern hinterher robben, sie über jede Stufe heben und sofort mit Desinfektionstüchern hinterher wischen. Kein Wunder, es steht ja auch am Zaun: Bitte folgen Sie ihren Kindern auf Schritt und Tritt. Wahrscheinlich gelte ich als „Rabenmutter“ (ein Begriff übrigens, den es im Englischen nicht gibt und der deshalb gern auf Deutsch benutzt wird), weil ich auf der Bank sitze und Zeitung lese.

Umso überraschter war ich, als letzthin eine Mutter ihr IPhone hervorzog und eine SMS las. „Tom muss in zehn Minuten abgeholt werden“. Die Nachricht kam nicht etwa von einem überforderten Vater, sondern von „Oh don’t forget“. Wie gesagt: Man muss nur erinnert werden, sein Kind vom Musikunterricht abzuholen. Der Onlineservice „Oh don’t forget“ erinnert Dich an alles. Du musst Dich nur erinnern, an was Du erinnert werden möchtest.

Was die elektronische Erinnerungskultur angeht, leben wir hier natürlich im Land der unbegrenzten Überwachung. In der IPhone-Gesellschaft kann man sein ganzes Leben sozusagen termingerecht abrufen. Bei „Mobaganda“ lassen sich Parties und Konferenzen organisieren, - und man wird ständig per SMS erinnert, wer alles kommt und wer nicht. „EchoPrayer“ hilft einem, das Beten nicht zu vergessen. Es gibt ein „Built-in Prayer Journal“ (eingebautes Gebet-Protokoll), um nicht zu vergessen, für wen oder was man schon gebetet hat diese Woche. Und einen SMS-Service, der einen montags erinnert, heute für Mutti zu beten.

Aber unschlagbar ist der „Booty Caller“ (in etwa übersetzt: „telefonische Verabredung zum Sex“). Nein, nicht, was Sie jetzt denken. Der „Booty Caller“ wurde vom Onlinedienst „BabyCenter“ entwickelt und sendet eine Serie von SMS an Frauen mit Kinderwunsch. Der „Eisprung-Alarm“ geht ungefähr so: „Ihre Fruchtbarkeitsphase beginnt heute. Stress kann ihre Fruchtbarkeit beeinträchtigen, - besser Sie nehmen eine Massage, meditieren oder machen Yoga“. Der Partner bekommt übrigens eine ähnliche SMS. „Du musst daran erinnert werden, Sex zu haben“, erklärt Linda Murray, die Chefredakteurin von „BabyCenter“ den Erfolg ihres Services, denn „ein Baby zu bekommen plant man heute wie eine Verabredung zum Abendessen“. Gut, dass sie uns daran erinnert hat.

www.BabyCenter.com
www.EchoPrayer.com
www.Mobaganda.com
www.ohdontforget.com

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