2555 Pennsylvania Avenue – Amerikanische Heldenverehrung

Seit ungefähr zehn Tagen besuche ich regelmäßig den kleinen Laden von Kay Kurman hier in Washingtons Stadtteil Georgetown. Wir unterhalten uns, lachen zusammen über ihre neue Ware, und finden diese neuen Zeiten in Amerika immer ganz wunderbar. Kays „Inauguration Station“, ein winziges Geschäft zwischen Designerläden und Fernsehstudios an der M Street, ist so etwas wie ein Wallfahrtsort geworden. An einem Sonntag wie heute quetschen sich die Menschen – Touristen wie Einheimische – in ihr Geschäft und plündern die Regale. Sie kaufen alles. Die „Audacity of Soap“ (Seife mit Obamas Konterfei), tellergroße Buttons mit der heiligen amerikanischen Familie oder riesige blaue Inaugurations-Tassen mit dem Datum „20. Januar 2009“.

„Aber der Ojama ist der absolute Hit!“, sagt Kay und will mich zum wiederholten Mal überreden einen blauen Pyjama mit dem Emblem von Obamas Kampagne zu kaufen. Es gibt auch die Nachthemd-Version in Weiß. „Dann schläfst du bestimmt ganz ruhig“, lacht sie schrill. Bislang habe ich mich geweigert, vielleicht weil mich diese Nachtwäsche an gewisse Fußballfans erinnert, die nur in der Bettwäsche ihres Vereins schlafen können. Paul aus Texas ist da total anderer Meinung. Er hat gleich vier Ojamas und drei Nachthemden gekauft für seine Familie daheim. „Wenn Du nach hause kommst und nichts von Obama mitbringst, - keine gute Idee“, erklärt er mir und nimmt noch einen ganzen Sack Buttons mit.

Alle wollen etwas von Obama. Das ist wie mit der Mauer (Stücke von ihr findet man übrigens in sehr vielen Wohnungen hier – danach müsste sie dreimal so hoch gewesen sein). Wahrscheinlich könnte man den Anzug, den er bei der Inauguration getragen hat, in tausende Stücke schneiden und jedes für ein paar tausend Dollar verkaufen. Dasselbe gilt auch für Michelles limonengrünes Kostüm für die Geschichtsbücher. Oder das blaue und rote Outfit der Töchter. Ich habe noch niemanden getroffen, noch nicht einmal politisch völlig desinteressierte Menschen, die nicht gewusst hätten, was die Familie Obama an diesem Tag getragen hat.

Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass in Zeiten wirtschaftlichen Niedergangs – man sagt die Arbeitslosenzahlen in den USA werden auf über zehn Prozent steigen – die Obamania bizarre Ausmaße annimmt. Ich erlebe gerade Sternstunden amerikanischer Heldenverehrung. In dem Moment, wo die Familie in der gefürchteten „bubble“ angekommen ist, wie Barack Obama selbst einmal das abgeschirmte Leben als Präsident beschrieben hat, mutiert sie zu einer Pop-Ikone, wie wohl keine Präsidentenfamilie vor ihr.

Letzte Woche präsentierte ein bekannter Spielzeughersteller zwei Puppen mit dunkler Hautfarbe und den Namen der Präsidententöchter. Während die amerikanischen Mädchen sich nun „Sasha“ und „Malia“ wünschen, diskutiert man tagelang in allen Medien, ob es angemessen ist, aus den Präsidententöchtern Profit zu schlagen. Die First Lady ließ verlauten, dass sie es für absolut unanständig hält, „Privatpersonen“ in Puppen zu verwandeln. „Ach Michelle“, möchte man da rufen, Privatpersonen? Dann hätten die Töchter vielleicht auch nicht auf den Wahlkampfbühnen erscheinen sollen. Im Übrigen fällt mir auf, als ich ein zweites Mal darüber nachdenke: Ist es nicht ein zivilisatorischer Quantensprung, wenn in den Kinderzimmer dieser Nation plötzlich Puppen mit dunkler Hautfarbe der Renner sind?



Bislang hat sich der Präsident nicht zu den „action figures“ geäußert, die hier überall verkauft werden. Der fünfzehn Zentimeter große Plastik-Obama kann allerdings nur beide Arme bewegen. Und den Kopf drehen. Ein bisschen wenig für 16 Dollar. Mittlerweile müssen sie aber in jeder Studentenbude stehen, glaubt man Steve, der im hippen Modeladen „Urban Outfitters“ ein ganzes Schaufenster mit Obama-Devotionalien dekoriert hat. Hier gibt es nur „coolen“ Obama-Schnickschnack wie T-Shirts mit den Schlagzeilen der New York Times oder ein Skateboard mit Obamas Gesicht. Seit Che Guevara habe ich selten so viele junge Leute gesehen, die T-Shirts mit dem Gesicht eines Präsidenten tragen. „Der Mann ist eben cool“, sagte mir ein Hip Hopper kürzlich, „oder hast Du ihn schon mal schwitzen sehen?“.

Obama hat mit seiner Kampagne den Wahlkampf revolutioniert. Jetzt frisst die Kampagne die letzten Reste von Privatheit. Obamas Kampagne war einfach zu gut. Der Mann ist in der Welt der Ikonen angekommen. Eine Zeitschrift der Werbebranche schrieb schon: „Obama“ ist die best eingeführte Marke der letzten zehn Jahre.

Ein Popstar ist er schon lange, oder sagen wir besser, die Menschen machen ihn zu einem. Er selbst will eher ein nüchternes Image pflegen. Auffällig, dass viele Fotos nach der Inauguration ihn hemdsärmelig im Oval Office zeigen. Nach dem Motto: Hier gibt es nichts zu feiern. Aber was erzählte mir eine Bekannte, die den Präsidenten am Abend vor der Inauguration bei einem privaten Dinner - was soviel heißt: nur 150 Leute – getroffen hat: „Auch wenn er müde aussieht, hat er eine tolle Ausstrahlung“. Sie lächelte dabei sehr verklärt.

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2555 Pennsylvania Avenue – Amerika krönt seinen König

Es gab einen Moment am 20. Januar 2009, da war mir, als sei ich gar nicht in Amerika. Zumindest nicht im Amerika des 21. Jahrhunderts. Ich stand zwischen ein paar hunderttausend Menschen und dachte an ein Zeitalter weit zurück. Die Kulisse hätte in Rom stehen können. Seit Tagen feiern die Menschen in den Straßen, umarmen sich, jubeln. Dann kommt er. Ein wunderbares Märchen.

Es war einmal….

… ein junger Mann. Eigentlich war er nicht mehr ganz so jung, aber alle fanden ihn jung, weil er so tatkräftig einherschritt. In seinem schwarzen Mantel stand er auf einer Tribüne, hinter sich die weiße Kuppel wie ein Tempel emporragend, und vor sich die Massen, die herbeigeströmt waren, um ihn zu sehen. Sie wollten sehen, wenn er feierlich das Zepter in die Hand nehmen sollte, um sie zu regieren.



Sie waren aus allen Teilen des Landes gekommen, ganze Familien, Studenten, Altersheime und Football-Teams. Viele hatten große Mühen auf sich genommen, lange Fußmärsche, überfüllte U-Bahnen und stundenlange Busfahrten. Viele harrten schon seit den frühen Morgenstunden in der eisigen Kälte an einem Fleck aus, nur um diesen Moment zu erleben.

Dabei konnten sie ihn gar nicht sehen. Er war weit weg hinter tausenden Absperrgittern und Sicherheitsschleusen. Seine Garde bildete eine Menschenkette um die weißen Stufen des Tempels. Aber er war ihnen ganz nah. Die Menschen stellten sich geduldig neben einander und blickten in seine Richtung. Über eine Million Gesichter und alle sagten: Es ist nicht wichtig, was ich sehe, es ist viel wichtiger, dass ich hier bin. Dass ich dabei bin. Die Menschen hatten sich versammelt, weil sie dabei sein wollten. Sie wollten zusammengehören, deshalb trugen sie Mützen, Schals und Taschen mit dem Namen ihres neuen Anführers. Sein Bild war auf jedem Anstecker, Ballon und T-Shirt.

Sie hatten lange auf ihn gewartet. Alle. Auf ihn und auf seine Familie. Die einen hatten auf ihn gewartet, weil er so aussah wie sie, obwohl er das nie betont hatte. Er gehörte einem neuen Geschlecht an, das fürderhin dieses Land regieren sollte. Nicht an ihrer Hautfarbe wurden sie erkannt, sondern an ihrer Ausbildung. Aber viele, die so aussahen wie er, hatten Tränen in den Augen, weil er ihre Geschichte erfüllt hatte.

Die anderen hatten auf ihn gewartet, weil er ein neues Kapitel in ihrer Geschichte schreiben sollte. Das Volk, dem sie angehörten, war nämlich nicht sehr gelitten unter den Völkern. Viele Menschen spürten das und dieses Gefühl machte ihnen Angst. Ihr Volk führte Kriege, die keiner mehr wollte. Es versank in einer Depression, die keiner erwartet hatte. Viele sahen auf ihr Land und sahen kaputte Straßen, baufällige Brücken, schlechte Schulen, marode Krankenhäuser. Sie waren nicht in jenem Land, das viele – auch insgeheim – bewunderten.

An diesem Tag aber ging ein Fenster auf. Mucksmäuschenstill standen sie da und lauschten den Worten dieses Mannes. Viele senkten den Kopf, nickten, stimmten ihm zu. Zum lachen war den wenigsten. Manche fassten sich an den Händen. Auch die, die sich nicht kannten.

Es war einmal…

…. eine Inaugurationsfeier, wie sie für keinen König hätte besser zelebriert werden können. Und wenn ich es recht betrachte, dann fühlte ich mich auch auf einer Krönungsmesse. Zwischen 1,5 Millionen Menschen. Ganz vorne, fast unsichtbar, nur durch große Leinwände übertragen, steht ein Mann, mit der Hand auf der Bibel. Danach dann steigt er zusammen mit seiner Königin aus der großen schwarzen Limousine und geht ein paar Schritte zu Fuß über den gesperrten Paradenplatz. Ein einsames Paar. Umjubelt, umschwärmt, umgeben von Wünschen, Hoffnungen und Projektionen.

Als Europäerin ist mir dieses patriotische Pathos ja zuwider, - aber es war diesmal sehr ansteckend.

26.1.09 21:26, kommentieren

2555 Pennsylvania Avenue – Ein mittelmäßiger Film namens „Valkyrie“

Ich gebe zu, ich war gespannt auf „Valkyrie“, nachdem „Walküre“ in Deutschland solche Wellen geschlagen hat. Tom Cruise in der Rolle des Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Der Scientologe Tom Cruise in der Rolle des Widerstandshelden von Stauffenberg - so heißt es ja in Deutschland immer. Was für eine Aufregung! Am 22. Januar kommt er in die deutschen Kinos. Seit Weihnachten läuft er hier. Und?

Wenn ich das wüsste! Nichts ist schlimmer, als aus dem dunklen Kinoraum zu kommen und – nichts passiert! Kein Lachen, keine Aufregung, keine Ergriffenheit, keine Traurigkeit. Nichts. Fast nichts. Ja, der Film ist bestimmt handwerklich korrekt. Ein klarer Plot, ein klarer Held, ein klarer Auftrag. Die Charaktere sprechen in ganzen Sätzen und die Geschichte ist sogar nah an der Wahrheit. Um was ging es noch mal? Ach ja, - Hitler sollte beseitigt werden.

Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck posaunte im Juli 2007 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Tom Cruise werde „sein Superstar-Licht auf diesen seltenen glanzvollen Moment im düstersten Kapitel unserer Geschichte werfen. Er wird dadurch allein das Ansehen Deutschlands mehr befördern, als es zehn Fußball-Weltmeisterschaften hätten tun können.“ – Ein schönes Gerücht. Nur leider völlig abwegig.

Das Superstar-Licht läuft gerade auf Sparflamme - nicht etwa weil Tom Cruise Scientologe ist, sondern weil ein paar Filme von ihm schlecht waren. Und viele Amerikaner ihren Topgun-Helden liebestoll auf Oprahs Winfreys Talkshow-Couch herumhüpfen sahen. Nebenbei: Das Ansehen Deutschlands ist gar nicht so schlecht, es ist sogar ziemlich gut ist (aber das ist ein anderer Blog).

Genau genommen hat „Valkyrie“ mit Deutschland gar nicht viel zu tun. Wieso auch, da laut einer Umfrage zwei Drittel aller jungen Amerikaner gar nicht wissen, dass Hitler während des Dritten Reiches Deutschland regiert hat. „Valkyrie“ ist ein amerikanisches Heldenepos vor deutschen Nazi-Tapeten. Nicht dass ich etwas dagegen hätte, es hat mich nur völlig unberührt gelassen. Der Held hat eine Mission, die führt er aus, unbeirrt, tapfer, uneigennützig. Da passt es prima, dass der Feind das größte anzunehmende Monster ist: Hitler. Das einzig unamerikanische ist vielleicht, dass der Held am Ende stirbt. (Übrigens: Die Erschießungsszene im Bendler-Block des Verteidigungsministeriums, um deren Drehgenehmigung es in Deutschland heiße Diskussionen gab, ist bestes Kulissentheater. Man muss die Lokalität schon sehr genau kennen, um sie wieder zu erkennen.)

Ach ja, es gibt da ein paar deutsche Sätze im Film, Kommandos, „Heil Hitler“-Rufe und ein paar Offiziere, die mit einem hörbar deutschen Akzent Englisch sprechen. Sozusagen die Atmo zur Nazi-Kulisse. Ich finde das lustig. Und frage mich, welchen Sinn es macht, in einem amerikanischen Film deutsches Englisch zu hören, wenn der Held lupenreines Amerikanisch spricht.

Moralisches Getöse wie in Deutschland, ob einer wie Tom Cruise, ein Hollywood-Scientologe, überhaupt wagen darf, in die Uniform einer deutsche Widerstands-Ikone zu schlüpfen, gibt es hier nicht. Es findet noch nicht mal Erwähnung. Ein paar ernsthafte Artikel in der „New York Times“ und der „Washington Post“ bemerkten, dass man nun eben auch einen Film über den Zweiten Weltkrieg drehen kann ohne einen einzigen amerikanischen Soldaten. Herzlichen Glückwunsch.

Warum Cruise den Film gedreht hat? Um seine angeschlagene Karriere zu retten? Meinetwegen. Um seine Scientology – Sekte zu unterstützen? Dann habe ich die verdeckten Scientology-Hinweise nicht verstanden. Wie wahrscheinlich 99,9 Prozent der Zuschauer.

Mit seiner schauspielerischen Leistung hat Cruise seiner Karriere zumindest keinen Gefallen getan. Es reicht eben nicht, nur gut auszusehen. Wobei – tut er das? Ich bin mir nicht mehr sicher. Er wirkt wie Dutzendware. Sein Stauffenberg ist ein hölzerner Augenklappenheld. Man könnte seinen schauspielerischen Stil wohlwollend “minimalistisch” nennen, so wie einige Kritiker. Manche bewundern ihn dafür, meinen aber wahrscheinlich eher die Rolle oder noch besser das Original: diesen „blaublütigen von Stauffenberg mit seinem aristokratischen Elan“.

Wie immer der aussehen mag, - für Tom Cruise hat er zwei Gesichter: Mit und ohne Augenklappe. Vielleicht bekommt er deshalb die „Goldene Himbeere“, die immer einen Tag vor den Oscars für den schlechtesten Film und die schlechtesten Schauspieler vergeben wird. Nominierungen für die berüchtigten „Razzies Awards“ werden von mehr als 700 US und ausländischen Filmkritikern (The Golden Raspberry Award Foundation) vergeben.

Naja – das hat er auch nicht verdient. Für kalte Sonntagnachmittage ist er gut. Dann aber in der englischen Originalfassung. Sonst macht das amerikanische Heldenepos keinen Spass.

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2555 Pennsylvania Avenue – Unsere Nachbarn im Weißen Haus

Um es gleich zu sagen: Wir haben sie natürlich nicht gesehen. Weder die alten noch die neuen. Ich spreche von unseren Nachbarn im Weißen Haus. Pennsylvania Avenue 1600. Der Besuch fand auch zu einer denkbar unchristlichen Zeit statt, morgens um 7 Uhr 30. Die Begleitumstände waren ebenfalls, wie man sich denken kann, eher unerfreulich. Schon Wochen im Voraus wurden Namen, Passnummer, Visa-Kopien etc. eingereicht.

Am schönsten war der Spaziergang dahin. Von Nummer 2555 zu Nummer 1600. Am dämmrigen Morgenhimmel jagen sich die Wolken, es regnet feine Schnüre, die Pennsylvania Avenue glänzt in der Nässe. In den hellen Räumen der Weltbank sieht man die Reinigungskräfte zwischen den Tischen putzen. Die Stadt wacht auf. In den Bussen sitzt die Frühschicht, meistens schwarze Gesichter. Die Anzüge schlafen noch. Vor der Nummer 1600 ziehen Arbeiter die Gerüste für die Inaugurationsfeierlichkeiten hoch. Hinter einem dicken schwarzen Metallzaun liegt das „White House“, ein kleines weißes Puppenhaus mit zwei Wohnflügeln, wie eine Kulisse mit hell erleuchteten Fenstern. Auf dem Dach hinter der flatternden Fahne sieht man schemenhaft die Scharfschützen mit gezogener Waffe im Halbdunkel.

Alles Folgende ist weniger pittoresk. Bereits um 7 Uhr finde ich mich in der Besucherschlange am südöstlichen Tor der Executive Road wieder vor dem Metallzaun, durch den andauernd gepanzerte Fahrzeuge hineinfahren. Ein schnell sprechender Beamter des Sicherheitsdienstes ordnet unsere Gruppe alphabetisch, erklärt, dass wir keine Handtaschen oder Waffen mitnehmen können, zeigt uns, wie wir die Pässe in der linken und das Handy in der rechten Hand tragen dürfen und meint, das Ganze daure nur 20 Minuten.

Ach ja, - drinnen könnten wir kurz zu hause anrufen, um zu sagen, dass wir jetzt im Weißen Haus sind. Dann teilt er eine kleine Broschüre aus „A Red, White and Blue Christmas – Holidays at the White House 2008“. Wir laufen durch den piepsenden Sicherheitsdetektor und – stehen bei Familie Bush in der Gardarobe. Allein übrigens. „Sie können jetzt selbstständig weiter gehen“, sagt ein Sicherheitsmann. Ich schaue ihn ungläubig an.



Und wie ist es nun bei Bushs zuhause? Da auch Mister und Misses Bush nicht wollen, dass die halbe Nation durch ihr Schlaf- und Esszimmer latscht, dürfen wir natürlich nur die Repräsentationsräume im Ost-Flügel sehen. Kein Oval Office, - hier wird noch gearbeitet. Ja und wie sieht es nun aus? Ohne die Weihnachtsdekoration bestimmt sehr nett. Gleich hinter der Sicherheitsschranke am Eingang sitzt ein großer Santa Claus im Schlitten, umhüllt von Watte. Er trägt ein Kostüm in den Landesfarben rot, blau und weiß. Die Adler übern den Fenstern tragen riesige Kränze im Maul mit überdimensionierten roten Schleifen. Im großen „State Dining Room“ ist der gesamte Kamin im knallroten dicken Kugeln umrahmt. Laura Bush liebt Kugeln und Schleifen, am besten in Rot, - ja und groß, groß, groß müssen sei sein.

Dabei ist das Weiße Haus eigentlich sehr klein und bescheiden. Ein paar „rote“, „grüne“, „blaue“ Salons mit Möbeln aus dem letzten Jahrhundert. Mit europäischer Arroganz würde man sagen: Sie sehen aus wie Abstellkammern in Versailles. Wahrscheinlich fand Laura es auch ein bisschen langweilig und hat dekomäßig noch einmal richtig zugelangt. Ich zähle 13 große Weihnachtsbäume, bevorzugt mit Watte und durchsichtigen Plastikeiszapfen behängt. Der größte Baum steht im „Blue Room“, einem ganz entzückenden Zimmer mit weißen französischen Empiremöbeln vor blauer Seidentapete. An seinen Zweigen durften sich die Mitglieder des Kongresses kugeltechnisch austoben. Am besten gefällt mir die Kugel mit dem McDonald-Zeichen oder dem Firmenlogo von GM (General Motors, - die Firma bittet den Kongress gerade um ein paar lächerliche zig Milliarden Dollar).

Ich flitze also durch die Räume und vergesse zuhause anzurufen, um zu sagen, dass ich im Weißen Haus bin. Allein, ohne Führung, zwischen Lauras Weihnachtsdeko. Ach ja, - hinter jedem Weihnachtsbaum steht natürlich ein Secret Service Mann mit einem kleinen Draht im Ohr. Am Eingang sagte man uns, wir könnten sie immer fragen, wenn wir etwa wissen wollen. Sie sehen nicht aus, als ob sie einem erzählen möchten, welche Präsidententöchter hier geheiratet haben (die Töchter von Roosevelt und Johnson) oder wo John F. Kennedy seine diversen Liebschaften getroffen hat.

Dann gehe ich schon durch den Haupteingang – unter dem gefährlich im Wind schwankenden Kandelaber – auf die Pennsylvania Avenue. Es ist 7 Uhr 45. Im Westflügel sind die Fenster schon beleuchtet. Hoffentlich nimmt Laura Bush die gesamte Weihnachtsdekoration mit. Ich hoffe auf Michelle. Ich laufe die Straße hinunter und male mir aus, wie interessant es wäre, mit Michelle bei einem Chai Tea Latte im „Red Room“ zu sitzen, dem so genannten „First Ladies Parlor“ (First Ladies Empfangsraum), auf rot-goldenen Möbeln aus dem 19. Jahrhundert. Wir würden uns über Amerika und Old Europe unterhalten, über das „schwierigste und schönste Verhältnis“, wie Madeleine Albright einmal sagte. Ein schöner Traum. Er hält an bis zur Nummer 2555.

1 Kommentar 16.12.08 03:18, kommentieren

Einwurf – Barack und Hillary – das neue Traumpaar?

Und da gingen sie hin, das neue Traumpaar, Arm in Arm, als ob nichts gewesen wäre. Was für ein Bild! Die Rivalen, in trauter Einigkeit, der dunkle Anzug und das dunkle Kostüm, der Welt und der Pressemeute den Rücken kehrend. Dieses Bild von Barack und Hillary nach ihrer Berufung zur künftigen Außenministerin kommt in meine persönliche Gedächtnis-Galerie, Abteilung: „Yes we can!“. Ja wir können sie noch alle überraschen! Jetzt werden die beiden natürlich als amerikanisches „dreamteam“ gefeiert, wobei mir absolut rätselhaft ist, worin das Traumhafte besteht.

Als ich zum ersten Mal von dieser neuen Liaison hörte, dachte ich: Wie lang ist der Ehevertrag? Und was kostet das ganze? Für Barack hat die Vernunftehe ein paar ganz entscheidende Vorteile und – einen erheblichen Nachteil. Es ist bestimmt klug, Hillary zu „umarmen“. Als Außenministerin kann sie schlecht die Politik ihres einstigen Widersachers und jetzigen Präsidenten torpedieren, um dann 2012 nochmals gegen ihn anzutreten. Eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der demokratischen Partei im Kabinett zu haben, ist auch nicht verkehrt. Und: Ihre Expertise erschöpft sich nicht in der Erkenntnis, dass man Russland von der Grenze Alaskas aus sehen kann. Sicherlich, - sie ist als Präsidentengattin um die Welt gereist.

Eigentlich bekommt Barack zwei Außenminister zum Preis von einem. In einem ihrer Interviews hat Hillary kürzlich betont, wie ausgiebig sie und Bill über Politik sprechen würden. Schöne Sache, wenn man mit seinem Ehemann nach über 25 Jahren und einigen Krisen noch ein Gesprächsthema hat. Um es gleich zu betonen: Das ist kein Nachteil. Ich finde es eher ärgerlich, einer Powerfrau wie Hillary keine eigene Meinung zu unterstellen. Und was Bills Stiftung betrifft und seine Kontakte zu – na sagen wir mal – nicht ganz lupenrein demokratischen Regierungen: Gerhard hat da gazprommäßig von ihm gelernt.

Nein, der Nachteil könnte eher ihre höchsteigene Meinung sein: Sie gilt außenpolitisch als „hawk“ (Falke), also als Vertreterin einer amerikanischen Dominanztheorie. Sie hat im Gegensatz zu Obama den Krieg im Irak von Anfang an unterstützt. Welche Position hat sie gegenüber dem Iran? Im Wahlkampf hat sie Obamas Gesprächsbereitschaft als „naiv“ bezeichnet. Wird sie Verhandlungen einleiten, wie Obama sie für zwingend hält? Und die Massaker in Mumbai haben es gezeigt: Nichts ist so notwendig wie eine Deeskalationsstrategie für Indien und Pakistan. Nur die Supermacht USA kann die Temperatur herunterkühlen, Indien zur Vernunft rufen und Pakistan an seine Versprechen erinnern, die islamischen Extremisten unter Kontrolle zu halten. Die Region, mit Afghanistan als Zündschnur, ist ein Pulverfass, die eher diplomatisches Geschick verlangt als undiplomatisches Muskelspiel. Eher eine Taube als einen Falken.

Bleibt die Frage, die allerorten diskutiert wurde: Warum macht Hillary das? Warum gibt sie einen einflussreichen Posten im Senat auf? Diese Frage fand ich merkwürdig. Die Frau ist ein „power junkie“, wie man hier so schön sagt. Voraussichtlich wird sie nie mehr wieder so einen mächtigen Posten bekommen. Wenn sie nochmals als Präsidentschaftskandidatin 2012 in den Ring steigt, wäre sie 65 Jahre alt; vier Jahre später 69 und damit fast so alt wie John McCain heute. Also warum sollte sie zögern, nachdem Barack ihr einen direkten Zugang zu seinem inneren Zirkel angeboten hat? Die Räumlichkeiten kennt sie ja und muss sich in dieser neuerlichen Beziehung zu einem Präsidenten nicht um außereheliche Ausrutscher scheren. Sehr hübsch fand ich den Kommentar dazu im “Slate”-Magazin, einem politischen Online-Portal: So günstig war die Gelegenheit noch nie, sich von Bill scheiden zu lassen.

1 Kommentar 9.12.08 21:34, kommentieren

2555 Pennsylvania Avenue – The great „angst“!

Zum ersten Mal begegnete mir die „angst“ auf einigen Wahlkampfveranstaltungen im letzten Herbst. Dauernd standen Leute auf, griffen sich das Mikrophon und sprachen von ihrer „angst“, die sie plötzlich in diesem Land hätten. Es klang sehr besorgt. Wahrscheinlich weil sie den deutschen Begriff „Angst“ benutzt hatten. Seit dem versuche ich heraus zu finden, warum man hier in den USA gern auf Deutsch „angst“ hat. Die „angst“ ist sehr beliebt, sie ist sozusagen ein Dauergast in den Kommentarspalten der Zeitungen. Kein Wunder, könnte man meinen, schließlich ist die Wirtschaft in diesem Land auch ziemlich „kaput“.

Als ich in einem amerikanischen Wörterbuch nachschlug, fand ich folgende Definition für „kaput“ (schreibt sich übrigens nur mit einem t): „Kaputt ist ein Zustand, der nur durch eine grundlegende Reparation wieder aufgehoben werden kann“.

Wir haben uns in Deutschland schon daran gewöhnt, dass wir alles „downloaden“ und „updaten“. Ein paar wenige Sprachpuristen bekommen es bisweilen mit der Angst zu tun, schreiben aufrüttelnde Essays in den Sonntagszeitungen und warnen davor, dass die deutsche Sprache kaputt geht. Die Amerikaner haben damit weniger Probleme und verleiben sich die deutschen Wörter ein wie die Pizza ihrer italienischen Einwanderer.

Aber warum ausgerechnet „angst“ und „kaput“? Als ich einen amerikanischen Journalistenkollegen danach fragte, meinte er, die Deutschen seien eben nun mal Spezialisten für „angst“ und „kaput“ gewesen, - zumindest im letzten Jahrhundert. „Wenn ich das deutsche Wort ‚Angst’ benutzte, hat jeder diese Assoziation“. Und er fände diese Beschreibung sehr passend für die jetzige Situation in Amerika. Anscheinend ist er da nicht allein.

Vielleicht muss man diese Wörter laut auf Deutsch aussprechen, während man sich auf Englisch unterhält, dann versteht man, warum sie so „kaputtttt“ klingen. Ähnlich ging es mir, als ein Reporter im Fernsehen vom „Blitzkrieg“ sprach, den Obama jetzt führen soll gegen die finanzielle Krise und den „Schmutz“, den er an der Wallstreet wegräumen muss. Worte wie Keulenschläge. Zackzack! Kurzer Prozess! – Beim jiddischen Wort „shmootz“, das deutsche Wurzeln hat und in New York oft zu hören ist, hört der Spaß allerdings auf. „Schmutz“ in Verbindung mit Wallstreet ist – nicht nur für deutsche Ohren - ein no go.

Sehr beliebt ist dieser Tage auch wieder die „Schadenfreude“, - die hätte ich fast vergessen. Sie begegnete mir in der Wahlnacht, natürlich auf demokratischer Seite. Die „Schadenfreude“ gibt es im Englischen eigentlich nicht. Ebenso wenig wie den „Weltschmerz“, ein Zustand, den der Amerikaner nicht kennt. Auch der „Bildungsroman“ ist ihm fremd und die „Gemütlichkeit“. Letztere ist ein richtiger Exportschlager. Überall gibt es ein „Oktoberfest“, bis in den Dezember hinein. Alle Kaufhäuser in Washington hatten ein „Oktoberfest“ mit „german Gemütlichkeit“ und „Pretzel“, die allerdings mit dem bayrischen Original außer der Form wenig gemeinsam haben. Gilt auch für die Gemütlichkeit. Bier aus Plastikbechern ist ziemlich „kaput“.

Wahrscheinlich mache ich mir zu viele deutsche Gedanken. Vielleicht könnten wir als kleines Dankeschön für alle coolen Updates, die wir in den letzten Jahrzehnten bekommen haben, ein paar deutsche Wörter über Teich schicken, die nicht so klingen, als ob ein deutscher Schäferhund sie bellt. Da viele Amerikaner gerade ziemlich viel „angst“ haben: Wie wäre es mit „Zukunftsmusik“, ein sehr hübsches Wort, welches ich letzthin sogar schon in der „New York Times“ gelesen habe. In dem Moment, wo ich es ausspreche, klingt es allerdings eher nach Schäferhund, als nach Musik.

http://germanenglishwords.com

29.11.08 20:35, kommentieren

2555 Pennsylvania Avenue – Das schnelle Geld und die „Krönungsparty

So langsam dämmert es mir, dass wir an einem ganz besonderen Ort wohnen. An einem „magischen Ort“, wie mir eine Bekannte hier kürzlich erzählte, als sie aufgeregt anrief, um mich zu fragen, wo ich denn am 20.Januar wäre. Ich habe nicht schnell genug geschaltet und wohl irgendetwas Belangloses geantwortet. – Sie war entsetzt: „Du weiß nicht, wo Du am wichtigsten Tag der jüngsten Geschichte sein wirst?“ – und es klang wie: Was? Du hast den Fall der Mauer verschlafen?

Ich muss gestehen: Sie hat recht. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass meine Bekannte nicht etwa Amerikanerin ist, sondern Deutsche, allerdings schon seit Jahren hier beheimatet. Wie fast alle Deutsche hier in Washington, ist auch sie der Obamania verfallen. Und wieso nun der 20. Januar? An diesem – wahrscheinlich eiskalten - Dienstag wird Barack Obama als 44. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt. Die „Inauguration“ wird hier bereits als sagenhafte Party gehandelt. Die Zeitungen übersteigen sich in der Schätzung der zu erwartenden Gäste. Natürlich geht es um Millionen.

Die Krönungsparty für den ersten schwarzen Präsidenten findet zu größten Teilen auf der Pennsylvania Avenue statt, - nach dem Eid vor dem Capitol fährt der neue Präsident auf der Pennsylvania Avenue zum Weißen Haus Nummer 1600. Auf dieses Ereignis zielt dann die zweite Frage meiner Bekannte, die mich ebenso überrascht zurückgelassen hat wie die erste: „Habt ihr euer Apartment schon vermietet?“. Vermietet? Dann fällt mir der Zettel am Schwarzen Brett in unserem Foyer ein: „Biete 300 Dollar pro Nacht für ein Zimmer während der Inaugurationstage“. 300 Dollar, - nicht schlecht, denke ich im Vorbeigehen.

In Wahrheit ist das ein Spottpreis, ein Schnäppchen! Hunderte, wenn nicht gar tausende Washingtonians ziehen im Januar für ein paar Tage zu Freunden aufs Land und vermieten ihre Bleibe an den Meistbietenden. Ein todsicherer Deal: Alle Hotels im Umkreis von 100 Kilometer sind schon jetzt ausgebucht. In Zeitungen oder bei www.craigslist.com (so etwas wie ebay oder Zweite Hand) findet man Angebote zwischen 30.000 Dollar für ein ganzes Haus mit 5 Zimmern inklusive Chauffeur und Hausmädchen (5 Nächte) und 4.200 Dollar für ein kleines Apartment in der Innenstadt (4 Nächte). – So langsam glaube ich wieder an den amerikanischen Selfmade-Kapitalismus.

Und natürlich kommt am Ende auch das Kleingedruckte: „no smoking, no pets, no drugs, no alcohol, no parties“. Klingt wie eine Spaßbremse und genau so ist es wohl auch gemeint frei nach dem Motto: Ihr könnte gern 5.000 Dollar zahlen, aber macht bitte keine Flecken aufs Sofa. Hallo! Da ist es wieder mein wunderbares, doppelgesichtiges Amerika. Schnelles Geld machen ist eine wunderbare, zutiefst amerikanische Sache. Je mehr, desto besser. Jubeln für Obama ist auch eine wunderbare, sehr amerikanische Sache, - aber bitte nur unter Berücksichtigung der puritanischen Anstandsregeln.

Apropo schnelles Geld: Es kursieren auf einschlägigen Websites, u.a. auch auf besagter Craigslist, bereits Ticket-Angebote für die Inauguration. Bis zu 10.000 Dollar werden da für 2 Eintrittkarten geboten. Der Trick ist: Die Ticket sind eigentlich kostenlos. Der Haken: Die 240.000 Tickets für die Party am Capitol (dort wird Obama vereidigt) werden an die Kongressmitglieder und das Inaugurations-Komitee ausgegeben, die sie dann ihrerseits verteilen. Ich schreibe das Mitte November und bin gespannt, welche Schwarzmarkpreise die Tickets Anfang Januar haben. Meine Bekannte meinte zu mir: „Ein Ticket für Obamas Party ist wie ein Logenplatz beim WM-Endspiel der Deutschen Mannschaft in Begleitung von Beckenbauer und Gottschalk“.

Naja. Zumindest wissen wir schon, was wir am 20. Januar machen werden. Wir werden aufs Dach steigen. Vom 10. Stock hat man einen sagenhaften Blick über Washington. Vielleicht nehmen wir auch ein paar Drinks mit.

1 Kommentar 13.11.08 15:19, kommentieren