2555 Pennsylvania Avenue – Amerika, wie haste dir verändert!

Kurz nach 23 Uhr an diesem Dienstag hält mich nichts mehr auf meinem amerikanischen Sofa. Ich reiße die Balkontür auf und die „Yes, we can“-Rufe schallen mir entgegen. Auf den Straßen ein Hupkonzert wie an Silvester – oder vielleicht sogar noch mehr. Die ganze Pennsylvania Avenue hinunter bis zum Weißen Haus – das sind vielleicht 2 Kilometer – spazieren lachende Menschen, umarmen sich, brüllen „Yes, we can“. Viele von ihnen sind schwarz, wenn nicht sogar die meisten. Es ist ihr Sieg. Aber nicht nur. Es ist mehr. Amerika, - wie haste dir verändert!

Wenn es wirklich stimmt, was viele Kommentatoren sagen, dass Amerika in der postrassistischen Gesellschaft angekommen ist, dann war dies gestern der Beginn einer neuen Ära. Barack Obama hat nicht nur knapp gewonnen. Er hat ziemlich deutlich gewonnen. Barack Obama hat nicht nur in sicheren demokratischen Staaten gewonnen. Er hat überall im Land eine breite Unterstützung gefunden.

Aber dieser Triumph ist nicht nur schwarz-weiß. Im Fernsehen erscheinen nach Barack Obamas Siegesrede die First Family und die Familie des Vizepräsidenten Joe Biden. Es ist ganz offensichtlich, dass Amerikas Farbenlehre sich neu sortiert: Schwarz und weiß und asiatisch (Obamas Schwester mit indonesischem Vater) und hispanisch. Und im Hintergrund, außerhalb der Realität der Fernsehkameras, stehen die weiße Schülerin aus Kansas und der schwarze Student aus Kenia, dessen Sohn der 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird. Dann schwenkt die Kamera auf einen weinenden Jesse Jackson, der zweimal versucht hat, Präsidentschaftskandidat zu werden. Es gibt ihn also doch, den amerikanischen Traum: Du kannst alles erreichen, wenn Du es willst. Da kann man wohl ein bisschen ergriffen sein….

Aber bevor ich soweit bin, höre ich den Verlierer. John McCain hält eine Rede, - vielleicht seine beste. Zumindest seine souveränste. Er verbeugt sich verbal vor dem Sieger, er zollt ihm Respekt. Er spricht von einem „Sieg der schwarzen Wähler“ – und es klingt wie: Es war an der Zeit, meine Freunde. Es scheint, als sei er froh, dass alles vorüber ist und er nicht im Weißen Haus sitzen muss für die nächsten vier Jahre. Der McCain in der Stunde der Niederlage ist der „maverick“, den man von früher kannte, - bevor seine Kampagne ihn republikanisch glatt gebügelt hat. Als er seinem früheren Kontrahenten politische Zusammenarbeit anbietet, gibt es Buhrufe aus der Menge, - aber er setzt sich darüber hinweg.

Und dann der Sieger. Während auf dem großen Platz in Chikago alle um ihn herum berührt sind von diesem historischen Moment, lächelt er in sich hinein. Er bleibt ganz bescheiden. Leise. Er redet von diesem amerikanischen Traum: „Wenn da jemand ist, der immer noch zweifelt, dass Amerika ein Platz ist, wo alles möglich ist, wo der Traum unserer Gründer lebendig ist, - heute Abend hat er eine Antwort bekommen“. Während so viele den historischen Sieg feiern, sieht er den Weg vor sich, - als sei er dem öffentlichen Empfinden immer zwei Schritte voraus. Er erbt zwei Kriege, eine Finanzkrise, die das Land in seinen Grundfesten erschüttert, ein marodes Gesundheits- und Bildungssystem. Und ich rede noch nicht von Klima- und Energiefragen. Von der Außenpolitik ganz zu schweigen.

„Yes, we can!“ schallt es die halbe Nacht von der Straße in unser amerikanisches Wohnzimmer hinein.

Neben all der Gefühlsduselei kommt mir auf meinem amerikanischen Sofa dann noch ein anderer Gedanke. Wir in „Old Europe“ müssen unser Amerika-Bild ändern. Das Amerika, welches sich – wie McCain noch in seiner Abschiedsrede behaupten musste – gern die „greatest nation on earth“ nennt, und die letzten acht Jahre arrogant durch die Weltgeschichte gestürmt ist, hat sich selbst besiegt. „Yes, we can“. Damit ist auch unser bequemes Feindbild flöten, - ich bin mir nicht sicher, ob das immer komfortabel wird in der nächster Zeit.

6.11.08 02:44, kommentieren

2555 Pennsylvania Avenue – Post von Barack

Es passiert dieser Tage öfters, dass ich abends auf meinem amerikanischen Sofa sitze, und folgende Email lese:

Nana
The next 4 days are going to be the toughest we've seen, and I need your support to reach as many voters as possible.
Donate $5 or more today to strengthen this movement for the final push.
This campaign is in your hands.
Thank you for everything you're doing,
Barack

Leider ist die Brieffreundschaft eine sehr einseitige. Natürlich schreibt Barack nicht zurück. Kein Wunder bei dem Terminkalender. Ich hätte nur gerne gewusst, woher er meine Email-Adresse hat. Noch dazu, wo ich so nutzlos bin. Dann fiel mir ein, dass mich eine Freundin zu einem Kampagnen-Büro der Demokraten in Fairfax, Virginia mitgenommen hat, - eine kleine Stadt nicht weit von Washington. Jeder, der zur Tür herein kommt, muss seine Email-Adresse hinterlassen. Seit dieser Zeit bekomme ich regelmäßig Emails, in denen steht, wie und wann ich mich engagieren soll. Ob ich telefonieren möchte, um die Wähler an die Urnen zu rufen oder ob ich von Tür zu Tür gehen möchte, um die Menschen in Fairfax von Obama zu überzeugen.

Plötzlich bin ich Teil der Obama-Kampagne. Ich gehöre zu den Millionen Susans, Sarahs, Peters und Pauls, die alle nur das eine haben: „HOPE“ und alles nur das eine wollen: „CHANGE“. Ich bekomme Email, die mir genau erzählen, was Obama alles besser macht als McCain, damit ich auch gut argumentieren kann. Ich bekomme die letzten Umfragezahlen und ich bekomme Termine, wann und wo die Kampagne mich dringend braucht. - Ich muss zugeben, dass der Trick funktioniert. Wer möchte nicht gern einfach dazugehören? Wer möchte nicht gern auf der Siegerseite stehen? Ich stehe natürlich nirgendwo, also rein wahltechnisch, - aber der Enthusiasmus ist ansteckend. Manchmal sieht man ihn sogar vom Auto aus (siehe Bild).



Bislang hat keiner das Instrument Internet so perfekt gespielt wie die Obama-Kampagne. Man schätzt, dass über 3 Millionen Menschen für die Kampagne gespendet haben, - die meisten über das Internet. Ein Viertel der insgesamt über 600 Millionen Dollar, die die Kampagne eingesammelt hat, kommt von Spender, die 200 Dollar oder weniger gegeben haben, - hauptsächlich Studenten, junge Angestellte, Afroamerikaner mit kleinen Gehältern.

In meinem amerikanischen Wohnzimmer versuche ich mir gerade vorzustellen, wie das im deutschen Wahlkampf aussehen könnte. (Ich kann es ja mal versuchen oder?) Also: Ganze Studentenschaften würden zu Spenden für Frank Walter aufrufen. „5 Euro von Dir! – und der Wandel kommt!“ Oder man bekäme plötzlich eine Email: „Liebe Nana, die nächsten Monaten werden sehr hart. Wir brauchen Dich, um so viele Wähler wie möglich zu mobilisieren. Der Wahlkampf liegt in Deiner Hand. Danke Dir für alles. Deine Angela“.

Von John habe ich übrigens keine Post bekommen. Ich erwähne das nur der guten Ordnung halber. Dabei habe ich natürlich auch im Büro der McCain-Kampagne vorbeigeschaut hier in Fairfax, Virginia, - es liegt nur ein paar Straßen entfernt vom Büro der Obama-Kampagne. Die Stimmung könnte nicht unterschiedlicher sein: Hier die ehrenamtlichen Obama-Helfer, bei denen man manchmal den Eindruck hat, sie haben irgendwelche Drogen genommen, so glücklich und überdreht scheinen sie. Und dort die McCain-Helfer, deren Lachen festgefroren ist. Ich habe auch bei der MCCain-Kampagne meine Email hinterlassen. Aber John hat mir nicht geschrieben.

Dafür bekomme ich jetzt auch Post von Michelle.

Nana,
I've been blessed over the last 21 months to have been invited into your communities and to hear so many of your personal stories.
The strength of this campaign has always come from the individual stories and hard work of millions of supporters like you.
Thank you for being part of this movement,
Michelle

31.10.08 19:38, kommentieren

2555 Pennsylvania Avenue – Unten, wo die Ängste sind: ein „Townhall Meeting“ der Demokraten

Zwischenzeitlich dachte ich darüber nach, über etwas anderes zu schreiben als diesen Wahlkampf, aber ehrlich: Er ist so spannend! Und am 4. November ist er vorbei, - also zumindest der Wahlkampf. Derweil aber hält mich dieses Rennen gefangen, in den letzten Tagen umso mehr, als die Umfragen eine stabile Führung von Barack Obama zeigen. Und mich ein komisches Gefühl beschleicht angesichts der großen Unbekannten. Wer sie ist? Die große Unbekannte ist die Situation in der Wahlkabine: Was passiert da im Stillen wirklich, wenn niemand mehr zusehen kann?

Welche Rolle spielt Barack Obamas Hautfarbe dann wirklich? In den Medien wird hierzulande heftig über diese Unbekannte spekuliert. Die einen sagen: Obama braucht sieben bis zehn Prozent Vorsprung, um die Unbekannte zu besiegen. Andere sagen: Kein Mensch kann dies voraussagen. Es ist faszinierend zu sehen, dass die Unbekannte sich jeder Umfragetechnik entzieht. Wer würde denn schon zugeben, dass er insgeheim Bedenken hat, einen Schwarzen zum nächsten Präsidenten zu wählen?

Aber die Unbekannte ist nicht allein in diesem Wahlkampf. Ihre stetige Begleiterin ist die Angst, gern auch als „Angst“ benannt wird, und zwar mit dem deutschen Wort. Die Angst begegnet mir zum Beispiel Mitte der Woche, als ich ein so genanntes „Townhall Meeting“ der Demokraten in McLean/Virginia besuche, einem kleinen Vorort von Washington. Die örtliche Parteigruppe hat die „Small Business“-Vertreter eingeladen, um sie von Barack Obamas Segnungen zu überzeugen. Ungefähr 50 Freiberufler, Restaurantbetreiber oder Besitzer kleiner Geschäfte sind gekommen und setzen sich brav auf die Plastikstühle in einer nüchternen Mehrzweckhalle.

Sie horchen den Parteistrategen zu, die sich an ein Pult stellen, hinter dass man noch eiligst eine riesige amerikanische Flagge postiert hat. Dies muss sein. Immer. Dann also die Segnungen für die „middle class“, die man „retten will“: Krankenkassenzuschuss für Mitarbeiter, „Stimulus“-Pakete für Investitionen, null Kapitalertragssteuer. All dies hört sich wunderbar an. Es bleibt umso wunderbarer, so lange man nicht nach der Finanzierung fragt wie Paul.

Paul – Mitte 40, Poloshirt und Turnschuhe - verliert gerade sein Haus, in dem er sein Versicherungsbüro hat. „Hey folks“, sagt Paul, „das klingt alles wie geschenktes Geld“. Woher es kommt? Kein Problem, meint Christian, der Schnellredner und smarte Anzugträger mit Harvard-Abschluss, den die Obama-Kampagne als Berater engagiert hat. Wir sparen einfach die 10 Milliarden Dollar, die der Irak-Krieg jeden Monat kostet. Ich habe den Eindruck, dass es Paul nicht so richtig überzeugt. Er will genau wissen, was eine Regierung unter Obama tut, damit er in seinem Haus bleiben kann, wo sein Versicherungsbüro ist, „ohne das bin ich arbeitslos“. Während Paul das ganz leise sagt, steht ihm die Angst ins Gesicht geschrieben. Wie Ira.

Ira – ein älterer Herr in Jeans und dickem Holzfällerhemd - hat seit 25 Jahren ein kleines Unternehmen für Software-Programme, ein halbes Dutzend Angestellte und seit kurzem ein großes Problem. Zum ersten Mal rufen ihn gute Kunden an und gestehen, dass sie die Rechnungen nicht bezahlen können. „Ihre Kreditkarten wurden gesperrt, weil sie ein paar Tage zu spät bezahlt haben“. Ob sich schon mal einer in der Obama-Kampagne Gedanken darüber gemacht hat, was passiert, wenn die Kreditkarten-Branche in die Knie geht? „Das ist die nächste Blase, die platzt“. Ein Gedanke, der Ira „Angst“ macht. Christian redet plötzlich nicht mehr so schnell, als sei ihm klar geworden, dass er darauf einfach keine Antwort hat.

Die beste Antwort dieses Abends hat Ira. „Sie können uns alle viel versprechen im Wahlkampf. Was danach passiert, steht in den Sternen. Deshalb musst du deinem Instinkt folgen. Welchem Kandidaten vertraust du mehr?“. Für Ira ist die Sache klar, sonst wäre er nicht hier. Seine „Angst“ ist deshalb nicht weniger geworden. Und die Unbekannte bleibt eine Unbekannte.


Mehr Texte zu Wahlkampf siehe auch:

http://www.merkur.de/2008_42__Ueberzeugt_eure.30665.0.html?&no_cache=1

http://www.merkur.de/2008_43_Der_Schwarze_und.30791.0.html?&no_cache=1

1 Kommentar 27.10.08 13:48, kommentieren

„Die Hautfarbe spielt keine wesentliche Rolle mehr“

Wenn der Migrationsforscher Michael Werz dies sagt, beginnt man zu zweifeln angesichts der Vorfälle letzter Woche. John McCain musste einer Zuschauerin während einer Veranstaltung das Mikrophon wegnehmen, weil sie Barack Obama als "Araber" bezeichnet und dies wie ein Schimpfwort klang. - Ich frage mich, wie das in den Ohren vieler arabisch stämmiger (Nicht-)Amerikaner klingen muss.

Michael Werz allerdings ist überzeugt, dass Rassenfragen keine wesentlich Rolle mehr spielen in diesem Wahlkampf. Im folgenden Interview spricht er über die massiven Veränderungen in der amerikanischen Gesellschaft und warum man über Barack Obama so schlecht Witze machen kann.

Frage: Mit dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama bewirbt sich zum ersten Mal ein Afroamerikaner um das höchste Amt in den USA. Welche Rolle spielt die Frage der Hauptfarbe in diesem Wahlkampf?

Michael Werz: Die Hautfarbe spielt keine wesentliche Rolle mehr. Anders gesagt: Sie ist auf eine andere Art und Weise wichtig, als man sich das vielleicht vorstellt. Es war interessant zu sehen, dass es für Barack Obama einfacher gewesen ist während des Wahlkampfes, nicht als Schwarzer wahrgenommen zu werden als es für Hillary Clinton war, nicht als Frau wahrgenommen zu werden und damit deuten sich massive Veränderungen innerhalb der amerikanischen Gesellschaft an, die man in Europa gar nicht so wahrgenommen hat. Insbesondere für die jüngeren Amerikanerinnen und Amerikaner, die Generation der 20 - 25jährigen, ist die Hautfarbe kein primäres Unterscheidungskriterium mehr. Man muss sich vergegenwärtigen, dass die US-amerikanische Gesellschaft eine Gesellschaft ist, in der es keine wirkliche Mehrheit mehr gibt. Überdies gibt es schon jetzt mehr hispanische Einwohner (14,5 Prozent) als Schwarze (12,5 Prozent). Nach den neuen statistischen Erhebungen wird es bereits im Jahr 2038 keine weiße Mehrheit mehr geben.


Frage: Ist das der Grund, weshalb Barack Obama sich im Wahlkampf nie explizit als Schwarzer definiert hat?

Michael Werz: Es ist interessant, dass auch die Kampagnenleitung von Barack Obama dieses Thema nie verhandelt hat, es war kein Thema in seinem Wahlkampf, sondern er ist in diesem Wahlkampf immer als Amerikaner unter Amerikanern dargestellt worden, was auf Grund seiner sehr komplizierten Familiengeschichte auch eine legitime Strategie war. Er hat sich eigentlich erst im März diesen Jahres überhaupt zum ersten mal zum Thema Rasse geäußert mit einer Rede, die er in Philadelphia gehalten hat, und die eine ungeheure Wirkung entfaltet hat. Diese Rede hat Schockwellen durch die amerikanische Gesellschaft gesendet. Sie ist innerhalb von zwei Monaten vier ½ Millionen mal auf You Tube abgerufen worden; 85 Prozent der Amerikaner kennen diese Rede. Zwei Sätze in dieser Rede sind historisch. Obama erwähnt, dass er viele Stücke Amerikas in sich trägt: Sohn eines kenianischen Einwanderers und einer Mutter aus Kansas, in Indonesien aufgewachsen, in Hawai zur Schule gegangen und dann in Harvard als Student erfolgreich. Sein zweiter, fast noch wichtigerer Satz: Wir mögen nicht alle die gleiche Herkunft haben, aber wir teilen den gleichen Traum für unsere Gesellschaft. Das ist amerikanische Identität auf den Punkt gebracht.


Frage: Wenn man einigen weißen, konservativen „Talk Radios“ zuhört, hat man einen anderen Eindruck. Da wird ganz unverblümt über Rassenvorbehalte gesprochen.

Michael Werz: Ich glaube, dies muss man mit Einschränkungen versehen. Das sind Außenseiter. Der amerikanische Stammtisch ist ein anderer als der deutsche Stammtisch. Das hängt zusammen mit der langen Geschichte der Rassenauseinandersetzungen in den USA, die dazu geführt hat, dass viele Menschen eine ganz klare politische Entscheidung getroffen haben. Man weiß, dass Hautfarbe eine Rolle spielt, aber es gibt ein stillschweigendes Einverständnis, das es nicht so sein solle. Und je jünger die Amerikaner sind, mit denen sie sprechen, desto weiter verbreitet ist diese politische Überzeugung, dass diese Hauptfarbenfrage überwunden werden muss. Nein, die Rassenkarte zu ziehen, wäre auch eine Form des politischen Selbstmordes. Wer in den USA versucht mit der Ausgrenzung von ethnischen oder Hautfarben-Minderheiten Politik zu machen, wird ganz schnell an den Rand bedrängt. Wir sehen ja gerade im Wahlkampf, dass es viel Kritik an Obama gibt hinsichtlich seiner wirtschaftlichen oder außenpolitischen Kompetenz. Die Tatsache, dass die Wahl momentan so eng ist, hat vielmehr damit zu tun, dass es durchaus begründete Fragen gibt, ob Obama erfahren, alt und etabliert genug ist, um den wichtigsten Job in der ganzen Welt zu machen, - das hat aber nichts mit seiner Hauptfarbe zu tun.


Frage: Apropo Kritik. Einige Gastgeber großer Late-Night-Shows heben sich kürzlich in der „New York Times“ beklagt, dass man über Obama keine Witze machen könnte. Weil er schwarz ist?

Michael Werz: Das glaube ich nicht. Es hängt eher damit zusammen, dass er einfach als Politiker wenig Angriffsfläche bietet, weil er sehr gewandt und sehr elegant in der Lage ist, alle Kritik abperlen zu lassen. Er wurde auch schon als der Teflon-Kandidat bezeichnet. Er hat ein großes Geschick, sich nicht zu früh auf politische Positionen festzulegen, aber die Tatsache, dass er nun eine andere Hautfarbe hat als John McCain, schützt ihn nicht unbedingt vor Kritik. Auch John McCain würde nicht als Weißer oder als Christ angegriffen werden, sondern wegen seiner politischen Positionen. Hier gelten mehr oder weniger die gleichen Kriterien.


Frage: Bislang sind alle prominenten Late-Night-Moderatoren weiß, - siehe Larry King oder David Letterman. Ist es nicht ein erstaunlicher Zufall, dass ausgerechnet jetzt der erste schwarze Gastgeber– David Alan Grier bei „Comedy Central“ – auf Sendung geht?

Michael Werz: Das hängt eher damit zusammen, dass die Unterhaltungsindustrie gerade in diesem Bereich relativ stark segmentiert ist. Es gibt ja das Black Entertainment Television, das den afroamerikanischen Markt versorgt. Mit der Veränderung der Gesellschaft verändert sich auch der Unterhaltungsmarkt. Das Publikum organisiert sich nicht mehr entlang ethnischer oder Hautfarben-Unterschiede, so dass es Sinn macht für die großen Sendeanstalten, sich hier stärker zu engagieren. Das Interessante ist, dass dies nicht - wie zum Teil in Deutschland - geschieht, weil man besonders politisch korrekt sein möchte. Diese Dinge organisieren sich hier sehr stark nach dem Markt und man kann dies dahingehend interpretieren, dass dieser Markt zunehmend farblos wird, in dem Sinne, dass die Hautfarbe keine so große Rolle mehr spielt.


Der Soziologe und Philosoph Michael Werz (Jahrgang 1964) forscht am Institut für Internationale Migrationsforschung an der Georgetown University, Washington DC. Schwerpunkte seiner Arbeit: Migration und Integration, Antiamerikanismus, Rasse und Ethnizität im 20. Jahrhundert sowie die Zukunft des Westens.

14.10.08 17:07, kommentieren

2555 Pennsylvania Avenue – Amerikanische Debattenkultur

Eines muss ich der republikanischen Vizepräsidentschaftskandidatin zugestehen: Sie wird ihrem Image als „Sarah Barracuda“ mehr als gerecht. Kaum hat sie sich ohne offensichtlichen Patzer aus der Debatte mit ihrem demokratischen Kontrahenten Joe Biden gerettet, schon schnappt sie wieder zu. Mit eiskaltem Lächeln hat sie letztes Wochenende auf einer Wahlkampfveranstaltung behauptet, Barack Obama habe Kontakt zu Terroristen. Das, so erzählte sie den erstaunten Zuhörer, habe sie in der Zeitung gelesen und nun sei sie der festen Überzeugung, Obama ist ein ganz böser Junge.

Wobei ich zweifle, ob sie den Artikel zu Ende gelesen hat. Nur zur Erklärung: In einem Report der „New York Times“, den Mamie Barracuda erwähnte, wurde beschrieben, wie sich die Wege eines gewissen Bill Ayers und mit denen des demokratischen Präsidentschaftskandidaten in Illinois kreuzten. Ayers, heute Professor in Chikago, war früher in der Tat mal ein böser Junge, als er einer militanten Anti-Vietnam-Gruppe angehörte. In den 90er Jahren arbeitete er für die gleiche Wohltätigkeitsorganisation wie Obama und organisierte Spendenveranstaltungen für den aufstrebenden Politiker. Obama hatte sich schon früher von den radikalen Einfällen Ayers öffentlich distanziert. Wahrscheinlich hätte er noch umziehen müssen, - er wohnt dummerweise im gleichen Stadtviertel wie Ayers.

Soweit die terroristische Verbindung. Wahrscheinlich hat sich Sarah Palin bei ihrer Zeitungslektüre gedacht: Das hauen wir dem Obama mal um die Ohren, - es wird schon was hängen bleiben! Palins Wahlkampfreden haben hohen Unterhaltungswert, weil sie – anders als bei diesem künstlich aufgeheizten Debattentheater – hier ganz sie selbst ist. Da draußen im Wahlkampf an der „Main Street“ zeigt sie ihr wahres Gesicht als knallhartes politisches Flintenweib frei nach dem Motto: Wer nachdenkt, hat schon verloren! Und: Wir in Alaska wissen, wo der Russe steht. In ihren besten Momenten verfällt sie in ihren „hockey mom“-Tonfall, der sich ungefähr so anhört: Also „folks“ (das sagt sie mindestens zehnmal in jeder Rede!): Der Obama ist ein böser Junge, der mit anderen bösen Jungs im Dreck wühlt. Wenn ihr den wählt, dann gibst ein paar auf die Finger. Alles klar?

Jetzt wird auch klar, wofür die McCain-Kampagne Frau Palin auserkoren hat, nachdem sie in Sachen Außen- und Wirtschaftspolitik ein Totalausfall ist: Sie soll den Barracuda spielen. Sie soll den Gegner persönlich angreifen und sich festbeißen. Sarah Barracudas erster Angriff kam auch prompt ein paar Stunden, nach dem die McCain-Kampagne eine härtere Gangart gegenüber Obama angekündigt hatte. Die letzten Umfragen zeigen den Demokraten konstant in Führung. „Wir müssen das Thema wechseln“, sagte ganz unverblümt ein McCain-Kampagnenmanager der „Washington Post“: „Wir müssen die Verbindungen dieses Jungen mal hinterfragen“. Die bösen Jungs von der McCain-Kampagne haben jetzt noch 29 Tage Zeit, die Terroristen im Leben von Barack Obama und seinen Großeltern zu suchen.

Vielleicht sollten sie Frau Palin aber bei ihrer nächsten Reise nach Sodom und Gomorra (Washington) vor der Begegnung mit einigen Politikerkollegen warnen. Sie könnte zum Beispiel Joschka Fischer treffen, der jetzt oft hier ist und in der Vergangenheit auch schon mal gern ein böser Junge war, aber jetzt lieber für die Beratungsfirma seiner Freundin Madeleine Albright arbeitet. (Das wäre ein hübsches Bild: Sarah zwischen Madeleine und Joschka. Zwei alt gediente Barracudas fressen den dritten.)

Viel ärgerlicher als das, was Sarah Palin sagt, ist hingegen das, was sie nicht sagt. Weder sie noch ihr Kontrahent Joe Biden – und auch Barack Obama und John McCain nicht in ihrer letzten Debatte – haben die Frage beantwortet, ob und wie sie denn ihre Pläne angesichts einer der größten Finanzkrise in der Geschichte der USA ändern würden. Werden die Steuern erhöht? Wenn ja, für wen und unter welchen Voraussetzungen? Oder glaubt wirklich jeder hier in den USA, dass man über 700 Milliarden Dollar aus dem Staatssäckel nehmen kann, ohne Konsequenzen? Die peinlichsten Ausweichmanöver diesbezüglich lieferte mir allerdings Frau Palin: „Ich bin gerade mal vier Wochen dabei oder?“.

6.10.08 19:17, kommentieren

2555 Pennsylvania Avenue – Der ganz normale Nachrichten-Tsunami

Es passiert ja selten, dass ein erfahrener Nachrichtenmann wie Anderson Cooper, der eine Nachrichtensendung auf CNN präsentiert, ein wenig verwirrt auf verschiedene Monitore und Laptops blickt. Welche Nachricht soll er mir in meinem amerikanischen Wohnzimmer zuerst präsentieren? Die Ereignisse überschlagen sich in den letzten 48 Stunden.

Mittwochmittag: Der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama telefoniert mit seinem republikanischen Kontrahenten John McCain über ein gemeinsames Statement. Es geht um das 700-Milliarden-Dollar Hilfspaket für die angeschlagene amerikanische Finanzwelt. „Hey John, ehrlich, - unsere Vorstellungen liegen doch gar nicht weit auseinander“. – „Ja gute Idee Barack, wir zeigen den Menschen, dass es hier nicht um Parteipolitik geht!“
Mittwochmittag, fünf Minuten später: McCain kündigt Minuten nach dem Telefonat an, dass er das lang erwartete Fernsehduell mit Obama am Freitag verschieben will. Die Zeiten seien zu ernst (?).
Mittwochnachmittag: Barack Obama ist sichtlich genervt, trommelt eine Pressekonferenz zusammen und erklärt: Mit mir gibt es keine Verschiebung! Wir treffen uns im Ring McCain!
Mittwochnachmittag, fünf Minuten später: Präsident Bush schaltet sich ein und lädt McCain und Obama zu sich auf sein Sofa ins Weiße Haus ein. Es geht um 700 Milliarden Dollar. Ein paar Politiker aus dem Kongress sollen auch dabei sein. „Wir brauchen einen überparteilichen Gesetzentwurf“, teilt mir Bush mit und setzt sein „Amerika führt jetzt Krieg gegen die Bösen“-Gesicht auf.

Am Ende der Sendung wünscht mit Anderson Cooper von CNN auf Wiedersehen und guckt auch wieder sehr angestrengt. Fast könnte man meinen, er ist genau ratlos wie ich.

Der amerikanische Wahlkampf hat im Gefolge des Wall-Street-Tsunami eine atemberaubende Geschwindigkeit erreicht. Ich stelle mir vor, dass in den Hauptquartieren der demokratischen und republikanischen Kampagnen eine wahre Kriegsstimmung herrschen muss. Die Schlachtordnungen verschieben sich täglich.

Zuerst erscheint Barack Obama als der eigentliche Kriegsgewinnler. Nach dem Showlauf von Sarah „Barracuda“ und einer gewissen Ernüchterung setzen die Umfragen Obama wieder an die Spitze des Rennes. Sogar der konservative Sender Fox News sieht einen sechsprozentigen Vorsprung vor McCain. Die Begründung: Die Wähler trauen Obama eine bessere Bewältigung der wirtschaftlichen Krise zu. Und die steht gerade ganz oben auf der Liste der Wahlkampfthemen.
Spielstand: Eins zu Null für Obama.

Allerdings könnte man bei der McCain-Kampagne inzwischen eine gewisse Professionalität darin entdecken, einen Rückstand aufzuholen. Sarah Palin war der erste Schachzug. Der zweite: Wenn wir den Wahlkampf schon nicht dominieren können, - dann setzen wir ihn eben aus! Stell Dir vor, es ist Wahlkampf und - McCain geht einfach nicht hin. Er hat besseres zu tun, sagt er mir in meinem amerikanischen Wohnzimmer. Er muss jetzt Patriot sein und das tun, was alle tun in diesen Kriegszeiten: „rally around the flag“. In McCains Worten: Auf mein Kommando schart sich jetzt bitte alles um die amerikanische Flagge! Spätestens da haben sie in der Obama-Kampagne wahrscheinlich mit den Zähnen geknirscht: Schon wieder diese Patriotismus-Nummer!
Spielstand: Eins zu Eins.

Und das Fernsehduell am Freitagabend? Natürlich ist McCains Forderung nach einer Verschiebung des Rededuells hauptsächlich wahltaktisch motiviert. Das hört sich bei ihm natürlich anders an. Er müsse jetzt Patriot sein und deshalb könne er nichts anderes machen. Die Antwort von Barack Obama darauf hatte Unterhaltungswert: „Es gehört zur Aufgabe eines Präsidenten mit mehr als einer Sache beschäftigt zu sein“. Auf gut amerikanisch: McCain, - Du bist ein Feigling. Das kommt nicht gut an.
Spielstand: Eins zu Zwei für Obama.

Es hat selten so viel Spaß gemacht, Nachrichtensendungen zu gucken. Ach, - die letzte Nachricht bei CNN: Der Kongress hat jetzt einen eigenen Plan, wie die 700 Milliarden Dollar zu verwenden seien. Das behaupten die Demokraten, einige Republikaner sehen das völlig anders. Fortsetzung folgt.

www.cnn.com
www.washingtonpost.com
www.foxnews.com/polls

1 Kommentar 25.9.08 21:47, kommentieren

Einwurf, der erste: Falls Sie noch nicht wussten, was Amerikanischer „Sozialismus“ist...

Es war einmal ein gar nicht so fernes Land, in dem die Menschen mit den weißen Kragen daran glaubten, dass der König im Weißen Haus nur dazu da ist, sie in Ruhe zu lassen. Sie nannten das Kapitalismus und sie träumten davon bis, - letzte Woche. Als in ihrer Schatztruhe an der Wall Street plötzlich ein ziemlich großes Loch auftauchte und die Taler wie von Zauberhand verschwanden, wurden die Menschen mit den weißen Kragen unruhig. Sie erinnerten sich daran, dass sie einen König hatten und fanden, es wäre an Zeit, das System zu ändern, um das Loch in der Schatztruhe zu stopfen. Der König und sein Hof fanden das auch, denn sie wollten an der Macht bleiben und so warfen sie ganz schnell sehr viele Taler aus dem Staatsschatz in die Beutel der Menschen mit den weißen Kragen. Nur manche träumten schlecht und nannten es „amerikanischen Sozialismus“.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann wundern sie sich noch heute. Was ist da passiert?

Hätte sich das ein Kabarettist ausgedacht, - er wäre ausgelacht worden. Der amerikanische Staat wirft 700 Milliarden Dollar in die Waagschale, um eine Erosion der Wall Street zu vermeiden. Er übernimmt den größten Versicherungskonzern zu 80 Prozent und die nicht gedeckten Schecks der größten Investmentbanken des Landes. Wahrscheinlich ist das richtig. Wahrscheinlich wäre nach „der schlimmsten Finanzkrise seit 1929“ (Washington Post) das Leben zusammengebrochen. Wäre es? Was wäre denn passiert, wenn der Staat nicht eingegriffen hätte?

Wie heißt der Spruch: Gewinne werden privatisiert und Verluste sozialisiert. Mehr noch fasziniert allerdings die Tatsache, in welcher Geschwindigkeit die Grundprinzipien des amerikanischen Traums von den Selbstheilungskräften des Marktes ad acta gelegt werden. Die Granden der Wall Street, sozusagen die Gralshüter der Kapitalismus, die staatliche Eingriffe als Teufelswerk verdammt haben, werfen sich nun förmlich in die Arme des Staates.

Aber wer wird nun eigentlich gerettet und um welchen Preis? Wer profitiert von den 700 Milliarden (das ist weit mehr als der Staatshaushalt der Bundesrepublik Deutschland!). Und wer entscheidet das? Der amerikanische Kongress würde gerne mitreden und stellt doch tatsächlich – überparteilich – Fragen wie: Bekommt der Steuerzahler vielleicht etwas von dem geliehenen Geld zurück? Wer außer dem Finanzminister, den die New York Times als „Finanzdiktator“ bezeichnet, und ein paar Eingeweihten entscheidet denn über die Vergabe der Steuermilliarden?

Man muss sich schon fast entschuldigen, um demokratische Prinzipien einzufordern. Jeder Zweifel an dieser „Hilfsaktion“, wie Präsident Bush in einer Rede an die Nation gestern dem US-Fernsehvolk erklärte, gilt geradezu als Sakrileg. Wer ihm länger zuhört weiß: Dieser Wall Street-Tsunami ist eben Schicksal. God bless America.

Wie sagte Brechts Mackie Messer in der „Dreigroschenoper“: Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?.

1 Kommentar 25.9.08 20:30, kommentieren