2555 Pennsylvania Avenue – Das schnelle Geld und die „Krönungsparty

So langsam dämmert es mir, dass wir an einem ganz besonderen Ort wohnen. An einem „magischen Ort“, wie mir eine Bekannte hier kürzlich erzählte, als sie aufgeregt anrief, um mich zu fragen, wo ich denn am 20.Januar wäre. Ich habe nicht schnell genug geschaltet und wohl irgendetwas Belangloses geantwortet. – Sie war entsetzt: „Du weiß nicht, wo Du am wichtigsten Tag der jüngsten Geschichte sein wirst?“ – und es klang wie: Was? Du hast den Fall der Mauer verschlafen?

Ich muss gestehen: Sie hat recht. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass meine Bekannte nicht etwa Amerikanerin ist, sondern Deutsche, allerdings schon seit Jahren hier beheimatet. Wie fast alle Deutsche hier in Washington, ist auch sie der Obamania verfallen. Und wieso nun der 20. Januar? An diesem – wahrscheinlich eiskalten - Dienstag wird Barack Obama als 44. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt. Die „Inauguration“ wird hier bereits als sagenhafte Party gehandelt. Die Zeitungen übersteigen sich in der Schätzung der zu erwartenden Gäste. Natürlich geht es um Millionen.

Die Krönungsparty für den ersten schwarzen Präsidenten findet zu größten Teilen auf der Pennsylvania Avenue statt, - nach dem Eid vor dem Capitol fährt der neue Präsident auf der Pennsylvania Avenue zum Weißen Haus Nummer 1600. Auf dieses Ereignis zielt dann die zweite Frage meiner Bekannte, die mich ebenso überrascht zurückgelassen hat wie die erste: „Habt ihr euer Apartment schon vermietet?“. Vermietet? Dann fällt mir der Zettel am Schwarzen Brett in unserem Foyer ein: „Biete 300 Dollar pro Nacht für ein Zimmer während der Inaugurationstage“. 300 Dollar, - nicht schlecht, denke ich im Vorbeigehen.

In Wahrheit ist das ein Spottpreis, ein Schnäppchen! Hunderte, wenn nicht gar tausende Washingtonians ziehen im Januar für ein paar Tage zu Freunden aufs Land und vermieten ihre Bleibe an den Meistbietenden. Ein todsicherer Deal: Alle Hotels im Umkreis von 100 Kilometer sind schon jetzt ausgebucht. In Zeitungen oder bei www.craigslist.com (so etwas wie ebay oder Zweite Hand) findet man Angebote zwischen 30.000 Dollar für ein ganzes Haus mit 5 Zimmern inklusive Chauffeur und Hausmädchen (5 Nächte) und 4.200 Dollar für ein kleines Apartment in der Innenstadt (4 Nächte). – So langsam glaube ich wieder an den amerikanischen Selfmade-Kapitalismus.

Und natürlich kommt am Ende auch das Kleingedruckte: „no smoking, no pets, no drugs, no alcohol, no parties“. Klingt wie eine Spaßbremse und genau so ist es wohl auch gemeint frei nach dem Motto: Ihr könnte gern 5.000 Dollar zahlen, aber macht bitte keine Flecken aufs Sofa. Hallo! Da ist es wieder mein wunderbares, doppelgesichtiges Amerika. Schnelles Geld machen ist eine wunderbare, zutiefst amerikanische Sache. Je mehr, desto besser. Jubeln für Obama ist auch eine wunderbare, sehr amerikanische Sache, - aber bitte nur unter Berücksichtigung der puritanischen Anstandsregeln.

Apropo schnelles Geld: Es kursieren auf einschlägigen Websites, u.a. auch auf besagter Craigslist, bereits Ticket-Angebote für die Inauguration. Bis zu 10.000 Dollar werden da für 2 Eintrittkarten geboten. Der Trick ist: Die Ticket sind eigentlich kostenlos. Der Haken: Die 240.000 Tickets für die Party am Capitol (dort wird Obama vereidigt) werden an die Kongressmitglieder und das Inaugurations-Komitee ausgegeben, die sie dann ihrerseits verteilen. Ich schreibe das Mitte November und bin gespannt, welche Schwarzmarkpreise die Tickets Anfang Januar haben. Meine Bekannte meinte zu mir: „Ein Ticket für Obamas Party ist wie ein Logenplatz beim WM-Endspiel der Deutschen Mannschaft in Begleitung von Beckenbauer und Gottschalk“.

Naja. Zumindest wissen wir schon, was wir am 20. Januar machen werden. Wir werden aufs Dach steigen. Vom 10. Stock hat man einen sagenhaften Blick über Washington. Vielleicht nehmen wir auch ein paar Drinks mit.

13.11.08 15:19

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