2555 Pennsylvania Avenue – The great „angst“!

Zum ersten Mal begegnete mir die „angst“ auf einigen Wahlkampfveranstaltungen im letzten Herbst. Dauernd standen Leute auf, griffen sich das Mikrophon und sprachen von ihrer „angst“, die sie plötzlich in diesem Land hätten. Es klang sehr besorgt. Wahrscheinlich weil sie den deutschen Begriff „Angst“ benutzt hatten. Seit dem versuche ich heraus zu finden, warum man hier in den USA gern auf Deutsch „angst“ hat. Die „angst“ ist sehr beliebt, sie ist sozusagen ein Dauergast in den Kommentarspalten der Zeitungen. Kein Wunder, könnte man meinen, schließlich ist die Wirtschaft in diesem Land auch ziemlich „kaput“.

Als ich in einem amerikanischen Wörterbuch nachschlug, fand ich folgende Definition für „kaput“ (schreibt sich übrigens nur mit einem t): „Kaputt ist ein Zustand, der nur durch eine grundlegende Reparation wieder aufgehoben werden kann“.

Wir haben uns in Deutschland schon daran gewöhnt, dass wir alles „downloaden“ und „updaten“. Ein paar wenige Sprachpuristen bekommen es bisweilen mit der Angst zu tun, schreiben aufrüttelnde Essays in den Sonntagszeitungen und warnen davor, dass die deutsche Sprache kaputt geht. Die Amerikaner haben damit weniger Probleme und verleiben sich die deutschen Wörter ein wie die Pizza ihrer italienischen Einwanderer.

Aber warum ausgerechnet „angst“ und „kaput“? Als ich einen amerikanischen Journalistenkollegen danach fragte, meinte er, die Deutschen seien eben nun mal Spezialisten für „angst“ und „kaput“ gewesen, - zumindest im letzten Jahrhundert. „Wenn ich das deutsche Wort ‚Angst’ benutzte, hat jeder diese Assoziation“. Und er fände diese Beschreibung sehr passend für die jetzige Situation in Amerika. Anscheinend ist er da nicht allein.

Vielleicht muss man diese Wörter laut auf Deutsch aussprechen, während man sich auf Englisch unterhält, dann versteht man, warum sie so „kaputtttt“ klingen. Ähnlich ging es mir, als ein Reporter im Fernsehen vom „Blitzkrieg“ sprach, den Obama jetzt führen soll gegen die finanzielle Krise und den „Schmutz“, den er an der Wallstreet wegräumen muss. Worte wie Keulenschläge. Zackzack! Kurzer Prozess! – Beim jiddischen Wort „shmootz“, das deutsche Wurzeln hat und in New York oft zu hören ist, hört der Spaß allerdings auf. „Schmutz“ in Verbindung mit Wallstreet ist – nicht nur für deutsche Ohren - ein no go.

Sehr beliebt ist dieser Tage auch wieder die „Schadenfreude“, - die hätte ich fast vergessen. Sie begegnete mir in der Wahlnacht, natürlich auf demokratischer Seite. Die „Schadenfreude“ gibt es im Englischen eigentlich nicht. Ebenso wenig wie den „Weltschmerz“, ein Zustand, den der Amerikaner nicht kennt. Auch der „Bildungsroman“ ist ihm fremd und die „Gemütlichkeit“. Letztere ist ein richtiger Exportschlager. Überall gibt es ein „Oktoberfest“, bis in den Dezember hinein. Alle Kaufhäuser in Washington hatten ein „Oktoberfest“ mit „german Gemütlichkeit“ und „Pretzel“, die allerdings mit dem bayrischen Original außer der Form wenig gemeinsam haben. Gilt auch für die Gemütlichkeit. Bier aus Plastikbechern ist ziemlich „kaput“.

Wahrscheinlich mache ich mir zu viele deutsche Gedanken. Vielleicht könnten wir als kleines Dankeschön für alle coolen Updates, die wir in den letzten Jahrzehnten bekommen haben, ein paar deutsche Wörter über Teich schicken, die nicht so klingen, als ob ein deutscher Schäferhund sie bellt. Da viele Amerikaner gerade ziemlich viel „angst“ haben: Wie wäre es mit „Zukunftsmusik“, ein sehr hübsches Wort, welches ich letzthin sogar schon in der „New York Times“ gelesen habe. In dem Moment, wo ich es ausspreche, klingt es allerdings eher nach Schäferhund, als nach Musik.

http://germanenglishwords.com

29.11.08 20:35

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