2555 Pennsylvania Avenue – Unsere Nachbarn im Weißen Haus

Um es gleich zu sagen: Wir haben sie natürlich nicht gesehen. Weder die alten noch die neuen. Ich spreche von unseren Nachbarn im Weißen Haus. Pennsylvania Avenue 1600. Der Besuch fand auch zu einer denkbar unchristlichen Zeit statt, morgens um 7 Uhr 30. Die Begleitumstände waren ebenfalls, wie man sich denken kann, eher unerfreulich. Schon Wochen im Voraus wurden Namen, Passnummer, Visa-Kopien etc. eingereicht.

Am schönsten war der Spaziergang dahin. Von Nummer 2555 zu Nummer 1600. Am dämmrigen Morgenhimmel jagen sich die Wolken, es regnet feine Schnüre, die Pennsylvania Avenue glänzt in der Nässe. In den hellen Räumen der Weltbank sieht man die Reinigungskräfte zwischen den Tischen putzen. Die Stadt wacht auf. In den Bussen sitzt die Frühschicht, meistens schwarze Gesichter. Die Anzüge schlafen noch. Vor der Nummer 1600 ziehen Arbeiter die Gerüste für die Inaugurationsfeierlichkeiten hoch. Hinter einem dicken schwarzen Metallzaun liegt das „White House“, ein kleines weißes Puppenhaus mit zwei Wohnflügeln, wie eine Kulisse mit hell erleuchteten Fenstern. Auf dem Dach hinter der flatternden Fahne sieht man schemenhaft die Scharfschützen mit gezogener Waffe im Halbdunkel.

Alles Folgende ist weniger pittoresk. Bereits um 7 Uhr finde ich mich in der Besucherschlange am südöstlichen Tor der Executive Road wieder vor dem Metallzaun, durch den andauernd gepanzerte Fahrzeuge hineinfahren. Ein schnell sprechender Beamter des Sicherheitsdienstes ordnet unsere Gruppe alphabetisch, erklärt, dass wir keine Handtaschen oder Waffen mitnehmen können, zeigt uns, wie wir die Pässe in der linken und das Handy in der rechten Hand tragen dürfen und meint, das Ganze daure nur 20 Minuten.

Ach ja, - drinnen könnten wir kurz zu hause anrufen, um zu sagen, dass wir jetzt im Weißen Haus sind. Dann teilt er eine kleine Broschüre aus „A Red, White and Blue Christmas – Holidays at the White House 2008“. Wir laufen durch den piepsenden Sicherheitsdetektor und – stehen bei Familie Bush in der Gardarobe. Allein übrigens. „Sie können jetzt selbstständig weiter gehen“, sagt ein Sicherheitsmann. Ich schaue ihn ungläubig an.



Und wie ist es nun bei Bushs zuhause? Da auch Mister und Misses Bush nicht wollen, dass die halbe Nation durch ihr Schlaf- und Esszimmer latscht, dürfen wir natürlich nur die Repräsentationsräume im Ost-Flügel sehen. Kein Oval Office, - hier wird noch gearbeitet. Ja und wie sieht es nun aus? Ohne die Weihnachtsdekoration bestimmt sehr nett. Gleich hinter der Sicherheitsschranke am Eingang sitzt ein großer Santa Claus im Schlitten, umhüllt von Watte. Er trägt ein Kostüm in den Landesfarben rot, blau und weiß. Die Adler übern den Fenstern tragen riesige Kränze im Maul mit überdimensionierten roten Schleifen. Im großen „State Dining Room“ ist der gesamte Kamin im knallroten dicken Kugeln umrahmt. Laura Bush liebt Kugeln und Schleifen, am besten in Rot, - ja und groß, groß, groß müssen sei sein.

Dabei ist das Weiße Haus eigentlich sehr klein und bescheiden. Ein paar „rote“, „grüne“, „blaue“ Salons mit Möbeln aus dem letzten Jahrhundert. Mit europäischer Arroganz würde man sagen: Sie sehen aus wie Abstellkammern in Versailles. Wahrscheinlich fand Laura es auch ein bisschen langweilig und hat dekomäßig noch einmal richtig zugelangt. Ich zähle 13 große Weihnachtsbäume, bevorzugt mit Watte und durchsichtigen Plastikeiszapfen behängt. Der größte Baum steht im „Blue Room“, einem ganz entzückenden Zimmer mit weißen französischen Empiremöbeln vor blauer Seidentapete. An seinen Zweigen durften sich die Mitglieder des Kongresses kugeltechnisch austoben. Am besten gefällt mir die Kugel mit dem McDonald-Zeichen oder dem Firmenlogo von GM (General Motors, - die Firma bittet den Kongress gerade um ein paar lächerliche zig Milliarden Dollar).

Ich flitze also durch die Räume und vergesse zuhause anzurufen, um zu sagen, dass ich im Weißen Haus bin. Allein, ohne Führung, zwischen Lauras Weihnachtsdeko. Ach ja, - hinter jedem Weihnachtsbaum steht natürlich ein Secret Service Mann mit einem kleinen Draht im Ohr. Am Eingang sagte man uns, wir könnten sie immer fragen, wenn wir etwa wissen wollen. Sie sehen nicht aus, als ob sie einem erzählen möchten, welche Präsidententöchter hier geheiratet haben (die Töchter von Roosevelt und Johnson) oder wo John F. Kennedy seine diversen Liebschaften getroffen hat.

Dann gehe ich schon durch den Haupteingang – unter dem gefährlich im Wind schwankenden Kandelaber – auf die Pennsylvania Avenue. Es ist 7 Uhr 45. Im Westflügel sind die Fenster schon beleuchtet. Hoffentlich nimmt Laura Bush die gesamte Weihnachtsdekoration mit. Ich hoffe auf Michelle. Ich laufe die Straße hinunter und male mir aus, wie interessant es wäre, mit Michelle bei einem Chai Tea Latte im „Red Room“ zu sitzen, dem so genannten „First Ladies Parlor“ (First Ladies Empfangsraum), auf rot-goldenen Möbeln aus dem 19. Jahrhundert. Wir würden uns über Amerika und Old Europe unterhalten, über das „schwierigste und schönste Verhältnis“, wie Madeleine Albright einmal sagte. Ein schöner Traum. Er hält an bis zur Nummer 2555.

16.12.08 03:18

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