2555 Pennsylvania Avenue – Ein mittelmäßiger Film namens „Valkyrie“

Ich gebe zu, ich war gespannt auf „Valkyrie“, nachdem „Walküre“ in Deutschland solche Wellen geschlagen hat. Tom Cruise in der Rolle des Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Der Scientologe Tom Cruise in der Rolle des Widerstandshelden von Stauffenberg - so heißt es ja in Deutschland immer. Was für eine Aufregung! Am 22. Januar kommt er in die deutschen Kinos. Seit Weihnachten läuft er hier. Und?

Wenn ich das wüsste! Nichts ist schlimmer, als aus dem dunklen Kinoraum zu kommen und – nichts passiert! Kein Lachen, keine Aufregung, keine Ergriffenheit, keine Traurigkeit. Nichts. Fast nichts. Ja, der Film ist bestimmt handwerklich korrekt. Ein klarer Plot, ein klarer Held, ein klarer Auftrag. Die Charaktere sprechen in ganzen Sätzen und die Geschichte ist sogar nah an der Wahrheit. Um was ging es noch mal? Ach ja, - Hitler sollte beseitigt werden.

Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck posaunte im Juli 2007 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Tom Cruise werde „sein Superstar-Licht auf diesen seltenen glanzvollen Moment im düstersten Kapitel unserer Geschichte werfen. Er wird dadurch allein das Ansehen Deutschlands mehr befördern, als es zehn Fußball-Weltmeisterschaften hätten tun können.“ – Ein schönes Gerücht. Nur leider völlig abwegig.

Das Superstar-Licht läuft gerade auf Sparflamme - nicht etwa weil Tom Cruise Scientologe ist, sondern weil ein paar Filme von ihm schlecht waren. Und viele Amerikaner ihren Topgun-Helden liebestoll auf Oprahs Winfreys Talkshow-Couch herumhüpfen sahen. Nebenbei: Das Ansehen Deutschlands ist gar nicht so schlecht, es ist sogar ziemlich gut ist (aber das ist ein anderer Blog).

Genau genommen hat „Valkyrie“ mit Deutschland gar nicht viel zu tun. Wieso auch, da laut einer Umfrage zwei Drittel aller jungen Amerikaner gar nicht wissen, dass Hitler während des Dritten Reiches Deutschland regiert hat. „Valkyrie“ ist ein amerikanisches Heldenepos vor deutschen Nazi-Tapeten. Nicht dass ich etwas dagegen hätte, es hat mich nur völlig unberührt gelassen. Der Held hat eine Mission, die führt er aus, unbeirrt, tapfer, uneigennützig. Da passt es prima, dass der Feind das größte anzunehmende Monster ist: Hitler. Das einzig unamerikanische ist vielleicht, dass der Held am Ende stirbt. (Übrigens: Die Erschießungsszene im Bendler-Block des Verteidigungsministeriums, um deren Drehgenehmigung es in Deutschland heiße Diskussionen gab, ist bestes Kulissentheater. Man muss die Lokalität schon sehr genau kennen, um sie wieder zu erkennen.)

Ach ja, es gibt da ein paar deutsche Sätze im Film, Kommandos, „Heil Hitler“-Rufe und ein paar Offiziere, die mit einem hörbar deutschen Akzent Englisch sprechen. Sozusagen die Atmo zur Nazi-Kulisse. Ich finde das lustig. Und frage mich, welchen Sinn es macht, in einem amerikanischen Film deutsches Englisch zu hören, wenn der Held lupenreines Amerikanisch spricht.

Moralisches Getöse wie in Deutschland, ob einer wie Tom Cruise, ein Hollywood-Scientologe, überhaupt wagen darf, in die Uniform einer deutsche Widerstands-Ikone zu schlüpfen, gibt es hier nicht. Es findet noch nicht mal Erwähnung. Ein paar ernsthafte Artikel in der „New York Times“ und der „Washington Post“ bemerkten, dass man nun eben auch einen Film über den Zweiten Weltkrieg drehen kann ohne einen einzigen amerikanischen Soldaten. Herzlichen Glückwunsch.

Warum Cruise den Film gedreht hat? Um seine angeschlagene Karriere zu retten? Meinetwegen. Um seine Scientology – Sekte zu unterstützen? Dann habe ich die verdeckten Scientology-Hinweise nicht verstanden. Wie wahrscheinlich 99,9 Prozent der Zuschauer.

Mit seiner schauspielerischen Leistung hat Cruise seiner Karriere zumindest keinen Gefallen getan. Es reicht eben nicht, nur gut auszusehen. Wobei – tut er das? Ich bin mir nicht mehr sicher. Er wirkt wie Dutzendware. Sein Stauffenberg ist ein hölzerner Augenklappenheld. Man könnte seinen schauspielerischen Stil wohlwollend “minimalistisch” nennen, so wie einige Kritiker. Manche bewundern ihn dafür, meinen aber wahrscheinlich eher die Rolle oder noch besser das Original: diesen „blaublütigen von Stauffenberg mit seinem aristokratischen Elan“.

Wie immer der aussehen mag, - für Tom Cruise hat er zwei Gesichter: Mit und ohne Augenklappe. Vielleicht bekommt er deshalb die „Goldene Himbeere“, die immer einen Tag vor den Oscars für den schlechtesten Film und die schlechtesten Schauspieler vergeben wird. Nominierungen für die berüchtigten „Razzies Awards“ werden von mehr als 700 US und ausländischen Filmkritikern (The Golden Raspberry Award Foundation) vergeben.

Naja – das hat er auch nicht verdient. Für kalte Sonntagnachmittage ist er gut. Dann aber in der englischen Originalfassung. Sonst macht das amerikanische Heldenepos keinen Spass.

9.1.09 17:44

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Michael Rutz (10.1.09 16:36)
Die Familien der Widerständler des 20. Juli 44 haben den Film schon gesehen und sind damit einverstanden. Sie haben auch die Aufregung nicht verstanden, die medial um Tom Cruise geschürt wurde. Seine Schauspielkunst müsse das Entscheidende sein, nicht sonstige Überzeugungen, sagte mir dieser Tage Rüdiger von Voss, Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung „20. Juli. Allerdings: Für Amerikaner ist das halt nur ein spannender Film. Für das heutige Deutschland ist er identitätsstiftende Geschichte. Er wird deshalb hier wohl spannender und beklemmender wirken als in den USA.

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