2555 Pennsylvania Avenue – Amerika krönt seinen König

Es gab einen Moment am 20. Januar 2009, da war mir, als sei ich gar nicht in Amerika. Zumindest nicht im Amerika des 21. Jahrhunderts. Ich stand zwischen ein paar hunderttausend Menschen und dachte an ein Zeitalter weit zurück. Die Kulisse hätte in Rom stehen können. Seit Tagen feiern die Menschen in den Straßen, umarmen sich, jubeln. Dann kommt er. Ein wunderbares Märchen.

Es war einmal….

… ein junger Mann. Eigentlich war er nicht mehr ganz so jung, aber alle fanden ihn jung, weil er so tatkräftig einherschritt. In seinem schwarzen Mantel stand er auf einer Tribüne, hinter sich die weiße Kuppel wie ein Tempel emporragend, und vor sich die Massen, die herbeigeströmt waren, um ihn zu sehen. Sie wollten sehen, wenn er feierlich das Zepter in die Hand nehmen sollte, um sie zu regieren.



Sie waren aus allen Teilen des Landes gekommen, ganze Familien, Studenten, Altersheime und Football-Teams. Viele hatten große Mühen auf sich genommen, lange Fußmärsche, überfüllte U-Bahnen und stundenlange Busfahrten. Viele harrten schon seit den frühen Morgenstunden in der eisigen Kälte an einem Fleck aus, nur um diesen Moment zu erleben.

Dabei konnten sie ihn gar nicht sehen. Er war weit weg hinter tausenden Absperrgittern und Sicherheitsschleusen. Seine Garde bildete eine Menschenkette um die weißen Stufen des Tempels. Aber er war ihnen ganz nah. Die Menschen stellten sich geduldig neben einander und blickten in seine Richtung. Über eine Million Gesichter und alle sagten: Es ist nicht wichtig, was ich sehe, es ist viel wichtiger, dass ich hier bin. Dass ich dabei bin. Die Menschen hatten sich versammelt, weil sie dabei sein wollten. Sie wollten zusammengehören, deshalb trugen sie Mützen, Schals und Taschen mit dem Namen ihres neuen Anführers. Sein Bild war auf jedem Anstecker, Ballon und T-Shirt.

Sie hatten lange auf ihn gewartet. Alle. Auf ihn und auf seine Familie. Die einen hatten auf ihn gewartet, weil er so aussah wie sie, obwohl er das nie betont hatte. Er gehörte einem neuen Geschlecht an, das fürderhin dieses Land regieren sollte. Nicht an ihrer Hautfarbe wurden sie erkannt, sondern an ihrer Ausbildung. Aber viele, die so aussahen wie er, hatten Tränen in den Augen, weil er ihre Geschichte erfüllt hatte.

Die anderen hatten auf ihn gewartet, weil er ein neues Kapitel in ihrer Geschichte schreiben sollte. Das Volk, dem sie angehörten, war nämlich nicht sehr gelitten unter den Völkern. Viele Menschen spürten das und dieses Gefühl machte ihnen Angst. Ihr Volk führte Kriege, die keiner mehr wollte. Es versank in einer Depression, die keiner erwartet hatte. Viele sahen auf ihr Land und sahen kaputte Straßen, baufällige Brücken, schlechte Schulen, marode Krankenhäuser. Sie waren nicht in jenem Land, das viele – auch insgeheim – bewunderten.

An diesem Tag aber ging ein Fenster auf. Mucksmäuschenstill standen sie da und lauschten den Worten dieses Mannes. Viele senkten den Kopf, nickten, stimmten ihm zu. Zum lachen war den wenigsten. Manche fassten sich an den Händen. Auch die, die sich nicht kannten.

Es war einmal…

…. eine Inaugurationsfeier, wie sie für keinen König hätte besser zelebriert werden können. Und wenn ich es recht betrachte, dann fühlte ich mich auch auf einer Krönungsmesse. Zwischen 1,5 Millionen Menschen. Ganz vorne, fast unsichtbar, nur durch große Leinwände übertragen, steht ein Mann, mit der Hand auf der Bibel. Danach dann steigt er zusammen mit seiner Königin aus der großen schwarzen Limousine und geht ein paar Schritte zu Fuß über den gesperrten Paradenplatz. Ein einsames Paar. Umjubelt, umschwärmt, umgeben von Wünschen, Hoffnungen und Projektionen.

Als Europäerin ist mir dieses patriotische Pathos ja zuwider, - aber es war diesmal sehr ansteckend.

26.1.09 21:26

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