2555 Pennsylvania Avenue – Amerikanische Heldenverehrung

Seit ungefähr zehn Tagen besuche ich regelmäßig den kleinen Laden von Kay Kurman hier in Washingtons Stadtteil Georgetown. Wir unterhalten uns, lachen zusammen über ihre neue Ware, und finden diese neuen Zeiten in Amerika immer ganz wunderbar. Kays „Inauguration Station“, ein winziges Geschäft zwischen Designerläden und Fernsehstudios an der M Street, ist so etwas wie ein Wallfahrtsort geworden. An einem Sonntag wie heute quetschen sich die Menschen – Touristen wie Einheimische – in ihr Geschäft und plündern die Regale. Sie kaufen alles. Die „Audacity of Soap“ (Seife mit Obamas Konterfei), tellergroße Buttons mit der heiligen amerikanischen Familie oder riesige blaue Inaugurations-Tassen mit dem Datum „20. Januar 2009“.

„Aber der Ojama ist der absolute Hit!“, sagt Kay und will mich zum wiederholten Mal überreden einen blauen Pyjama mit dem Emblem von Obamas Kampagne zu kaufen. Es gibt auch die Nachthemd-Version in Weiß. „Dann schläfst du bestimmt ganz ruhig“, lacht sie schrill. Bislang habe ich mich geweigert, vielleicht weil mich diese Nachtwäsche an gewisse Fußballfans erinnert, die nur in der Bettwäsche ihres Vereins schlafen können. Paul aus Texas ist da total anderer Meinung. Er hat gleich vier Ojamas und drei Nachthemden gekauft für seine Familie daheim. „Wenn Du nach hause kommst und nichts von Obama mitbringst, - keine gute Idee“, erklärt er mir und nimmt noch einen ganzen Sack Buttons mit.

Alle wollen etwas von Obama. Das ist wie mit der Mauer (Stücke von ihr findet man übrigens in sehr vielen Wohnungen hier – danach müsste sie dreimal so hoch gewesen sein). Wahrscheinlich könnte man den Anzug, den er bei der Inauguration getragen hat, in tausende Stücke schneiden und jedes für ein paar tausend Dollar verkaufen. Dasselbe gilt auch für Michelles limonengrünes Kostüm für die Geschichtsbücher. Oder das blaue und rote Outfit der Töchter. Ich habe noch niemanden getroffen, noch nicht einmal politisch völlig desinteressierte Menschen, die nicht gewusst hätten, was die Familie Obama an diesem Tag getragen hat.

Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass in Zeiten wirtschaftlichen Niedergangs – man sagt die Arbeitslosenzahlen in den USA werden auf über zehn Prozent steigen – die Obamania bizarre Ausmaße annimmt. Ich erlebe gerade Sternstunden amerikanischer Heldenverehrung. In dem Moment, wo die Familie in der gefürchteten „bubble“ angekommen ist, wie Barack Obama selbst einmal das abgeschirmte Leben als Präsident beschrieben hat, mutiert sie zu einer Pop-Ikone, wie wohl keine Präsidentenfamilie vor ihr.

Letzte Woche präsentierte ein bekannter Spielzeughersteller zwei Puppen mit dunkler Hautfarbe und den Namen der Präsidententöchter. Während die amerikanischen Mädchen sich nun „Sasha“ und „Malia“ wünschen, diskutiert man tagelang in allen Medien, ob es angemessen ist, aus den Präsidententöchtern Profit zu schlagen. Die First Lady ließ verlauten, dass sie es für absolut unanständig hält, „Privatpersonen“ in Puppen zu verwandeln. „Ach Michelle“, möchte man da rufen, Privatpersonen? Dann hätten die Töchter vielleicht auch nicht auf den Wahlkampfbühnen erscheinen sollen. Im Übrigen fällt mir auf, als ich ein zweites Mal darüber nachdenke: Ist es nicht ein zivilisatorischer Quantensprung, wenn in den Kinderzimmer dieser Nation plötzlich Puppen mit dunkler Hautfarbe der Renner sind?



Bislang hat sich der Präsident nicht zu den „action figures“ geäußert, die hier überall verkauft werden. Der fünfzehn Zentimeter große Plastik-Obama kann allerdings nur beide Arme bewegen. Und den Kopf drehen. Ein bisschen wenig für 16 Dollar. Mittlerweile müssen sie aber in jeder Studentenbude stehen, glaubt man Steve, der im hippen Modeladen „Urban Outfitters“ ein ganzes Schaufenster mit Obama-Devotionalien dekoriert hat. Hier gibt es nur „coolen“ Obama-Schnickschnack wie T-Shirts mit den Schlagzeilen der New York Times oder ein Skateboard mit Obamas Gesicht. Seit Che Guevara habe ich selten so viele junge Leute gesehen, die T-Shirts mit dem Gesicht eines Präsidenten tragen. „Der Mann ist eben cool“, sagte mir ein Hip Hopper kürzlich, „oder hast Du ihn schon mal schwitzen sehen?“.

Obama hat mit seiner Kampagne den Wahlkampf revolutioniert. Jetzt frisst die Kampagne die letzten Reste von Privatheit. Obamas Kampagne war einfach zu gut. Der Mann ist in der Welt der Ikonen angekommen. Eine Zeitschrift der Werbebranche schrieb schon: „Obama“ ist die best eingeführte Marke der letzten zehn Jahre.

Ein Popstar ist er schon lange, oder sagen wir besser, die Menschen machen ihn zu einem. Er selbst will eher ein nüchternes Image pflegen. Auffällig, dass viele Fotos nach der Inauguration ihn hemdsärmelig im Oval Office zeigen. Nach dem Motto: Hier gibt es nichts zu feiern. Aber was erzählte mir eine Bekannte, die den Präsidenten am Abend vor der Inauguration bei einem privaten Dinner - was soviel heißt: nur 150 Leute – getroffen hat: „Auch wenn er müde aussieht, hat er eine tolle Ausstrahlung“. Sie lächelte dabei sehr verklärt.

2.2.09 00:54

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen