2555 Pennsylvania Avenue – Der „Überwachungsstaat“

Was ich an diesem Land besonders liebe: Ich werde ständig erinnert. Immerzu werde ich daran erinnert, etwas zu tun oder noch besser: etwas nicht zu tun. Im Lift zur Garage meines Supermarktes steht: Bitte lassen Sie keine persönlichen Gegenstände zurück. Das ist natürlich sehr nett, mich daran zu erinnern, meine Einkäufe mitzunehmen. An der Ampel zählt das grüne Männchen die Sekunden vor, die mir verbleiben, um die Straße zu überqueren. Bei Starbucks machte mich letzthin eine freundliche Bedienung darauf aufmerksam, dass mein Chai Tea Latte sehr heiß sein könnte. Auf meine Entgegnung, dass ich darum bitten würde, einen heißen Tee zu bekommen, blickte sie mich einigermaßen entsetzt an. Ich weiß: Starbucks oder irgendein anderer Kettenkaffeehersteller hat schon mal Millionen Schadenersatz gezahlt, weil sich jemand die Zunge verbrannt hat.

Es gehört zu den wunderbaren Widersprüchen im Land des unbegrenzten Individualismus, dass man lieber noch einmal darauf aufmerksam macht, wie gefährlich das Leben an sich ist. Besonders gefährlich ist es anscheinend für Kinder. Als ich das erste Mal den Buggy mit meiner damals 2jährigen Tochter in den Kindergarten schob, drückte mir die Betreuerin stirnrunzelnd einen mehrere Zentimeter dicken „Elternführer“ in die Hand mit der besonderen Bemerkung: Auf Seite Drei stünde, man müsse Kinder bis zu vier Jahren grundsätzlich im Kinderwagen anschnallen.

Es dauerte einige Zeit, bis mir auffiel, dass hier im gemütlichen Stadtteil Georgetown keine kleinen Kinder auf der Straße laufen. Weder an der Hand, geschweige denn frei. Auch nicht im Supermarkt oder in irgendeinem anderen Geschäft. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, - je nach Stimmung – freundlich oder genervt auf die Frage zu antworten: Ja, dieses Kind ist meine Tochter und ja, es geht ihr prima (wie man sieht). Meistens steht sie nur ein paar Zentimeter von mir entfernt. Eine deutsche Bekannte hier hat den schönen Begriff „Helicopter Parenting“ geprägt.

Erst kürzlich an einem lauen Wintertag sah ich sie wieder, die amerikanischen Helikoptermütter, wie sie im Sandkasten hinter ihren Spielkindern hinterher robben, sie über jede Stufe heben und sofort mit Desinfektionstüchern hinterher wischen. Kein Wunder, es steht ja auch am Zaun: Bitte folgen Sie ihren Kindern auf Schritt und Tritt. Wahrscheinlich gelte ich als „Rabenmutter“ (ein Begriff übrigens, den es im Englischen nicht gibt und der deshalb gern auf Deutsch benutzt wird), weil ich auf der Bank sitze und Zeitung lese.

Umso überraschter war ich, als letzthin eine Mutter ihr IPhone hervorzog und eine SMS las. „Tom muss in zehn Minuten abgeholt werden“. Die Nachricht kam nicht etwa von einem überforderten Vater, sondern von „Oh don’t forget“. Wie gesagt: Man muss nur erinnert werden, sein Kind vom Musikunterricht abzuholen. Der Onlineservice „Oh don’t forget“ erinnert Dich an alles. Du musst Dich nur erinnern, an was Du erinnert werden möchtest.

Was die elektronische Erinnerungskultur angeht, leben wir hier natürlich im Land der unbegrenzten Überwachung. In der IPhone-Gesellschaft kann man sein ganzes Leben sozusagen termingerecht abrufen. Bei „Mobaganda“ lassen sich Parties und Konferenzen organisieren, - und man wird ständig per SMS erinnert, wer alles kommt und wer nicht. „EchoPrayer“ hilft einem, das Beten nicht zu vergessen. Es gibt ein „Built-in Prayer Journal“ (eingebautes Gebet-Protokoll), um nicht zu vergessen, für wen oder was man schon gebetet hat diese Woche. Und einen SMS-Service, der einen montags erinnert, heute für Mutti zu beten.

Aber unschlagbar ist der „Booty Caller“ (in etwa übersetzt: „telefonische Verabredung zum Sex“). Nein, nicht, was Sie jetzt denken. Der „Booty Caller“ wurde vom Onlinedienst „BabyCenter“ entwickelt und sendet eine Serie von SMS an Frauen mit Kinderwunsch. Der „Eisprung-Alarm“ geht ungefähr so: „Ihre Fruchtbarkeitsphase beginnt heute. Stress kann ihre Fruchtbarkeit beeinträchtigen, - besser Sie nehmen eine Massage, meditieren oder machen Yoga“. Der Partner bekommt übrigens eine ähnliche SMS. „Du musst daran erinnert werden, Sex zu haben“, erklärt Linda Murray, die Chefredakteurin von „BabyCenter“ den Erfolg ihres Services, denn „ein Baby zu bekommen plant man heute wie eine Verabredung zum Abendessen“. Gut, dass sie uns daran erinnert hat.

www.BabyCenter.com
www.EchoPrayer.com
www.Mobaganda.com
www.ohdontforget.com

20.2.09 15:10

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