2555 Pennsylvania Avenue – Der ganz „normale“ Hunger

Es gibt ein paar Dinge, die ich mir von meinem amerikanischen Sofa aus nicht so recht vorstellen kann. Nicht weil ich meine Zeitung nicht lese oder meine Augen nicht aufsperre. Nein, einfach weil ich sie nicht glauben will. Zu diesen Dingen gehört die Tatsache (und es handelt sich um eine Tatsache, nicht um eine Behauptung), dass in der Hauptstadt eines der reichsten Länder der Welt, jedes zweite Kind von Hunger oder Mangelernährung betroffen ist. Wie gesagt: Wir reden hier nicht von Mexiko City oder Kalkutta. Wir reden von Washington D.C.

Die Fakten: Wer als vierköpfige Familie über weniger als 22.050 $ Familieneinkommen verfügt, fällt in den USA unter die Armutsgrenze. Diese Zahl hat die US-Regierung festgelegt. Da sie allerdings aus dem Jahr 1965 stammt, nehmen viele Hilfsorganisationen eine andere Statistik: Wer weniger als 185 Prozent dieser Summe zur Verfügung hat (40.792 $), gilt als arm. Danach leben 48,2 Prozent aller Kinder unter 18 Jahren in der amerikanischen Hauptstadt in Armut. Landesweit sind es 36,4 Prozent. Über 56.000 Kinder in Washington D.C. – eines von zwei Kindern (!) – hat regelmäßig Hunger. Hunger.

„Ich kann nicht aufhören zu sagen: Das ist eine Schande für die Hauptstadt Amerikas!“. Lynn Brantley, die Leiterin der „Capital Area Food Bank“ ist normalerweise eine sehr zurückhaltende, überaus höfliche, ältere Dame. Seit fast 30 Jahren kämpft sie gegen diese Schande. Sie hat die Food Bank 1980 als gemeinnützige Organisation gegründet. „Hunger ist leider nichts außergewöhnliches in Washington“, sagt sie. Man kann allerdings nicht sagen, dass keiner hinsieht. Banken, Supermarktketten, Anwaltsfirmen, reiche Privatleute, - sie alle spenden 9,5 Millionen Dollar jährlich. Nur der Staat sieht nicht hin.

Von den mildtätigen Millionenspenden also bezahlt die Food Bank 77 Festangestellte, die über 700 lokale Partner – Suppenküchen, Kindergärten, Altersheime, kirchliche Einrichtungen - im Großraum Washington mit Essen versorgen. Jährlich erhalten 380.000 Menschen Essen von der Food Bank. Essen, das sie sich sonst nicht leisten könnten.

Ich treffe Lynn Brantley in ihrem engen, muffigen Büro der Food Bank in einem ziegelroten, heruntergekommenen, Industriegebäude unweit vom Stadtteil Capitol Hill. Unten in der riesigen Fabrikhalle sausen die Gabelstabler durch die Gänge und laden Gemüsedosen und Kartoffeln ab, die gerade mit einem LKW angekommen sind. Oben stapeln sich Kisten bis an die Decke, dazwischen sitzen eng gedrängt die Mitarbeiter in ihren winzigen Büroecken. Das Klingeln der „Hunger Hot Line“ gehört zum Grundgeräusch. „Die Anrufe haben sich um 151 Prozent gesteigert dieses Jahr“, sagt Lynn Brantley. „So schlimm war es noch nie“.

Und das Gesicht des Hungers hat sich geändert: „Ich sehe immer mehr intakte Familien mit Kindern, die Brown Bags mit Obst und Jogurt holen. Lebensmittel, die sie nicht mehr bezahlen können“. Arbeitslosigkeit, Überschuldung, Obdachlosigkeit - „das geht momentan sehr schnell“.

Zupackend wie sie ist, als ehemaliges Mitglied des „Civil Rights Movement“ – „Wir kannten Martin Luther King sehr gut!“ – sammelt Lynn jetzt 36 Millionen Dollar für ein neues Headquarter der Food Bank. Mehr Platz, mehr Essen, sagt sie. Als ich bei der Zahl von 36 Millionen erstaunt blicke, lacht sie. Sie habe schon 29 Millionen zusammen. Einflussreiche Lobbyfirmen, Bank of America, Stiftungen, - „viele wollen in der Krise helfen“, frei nach dem amerikanischen Motto: Tu Gutes und rede darüber.

Da Lynn Brantley ziemlich clever ist, durchschaut sie mich, als ich die Investition hinterfrage. Ja, dass sei natürlich für deutsche Ohren ziemlich unglaublich: 30 Millionen aus privater Hand für eine Food Bank! Ob man das Geld nicht besser in die Bekämpfung des Hungers stecken solle? Und ob man damit nicht eher staatliche Leistungen verhindere? „Staatliche Leistungen?“, sagt sie und guckt mich fragend an. „Ich beneide euch in Deutschland, da fällt keiner durch das Netz, aber wir sind hier in den USA“. Was heißt: Hilf Dir selbst, sonst hilft Dir keiner.

Dann zeigt Lynn Brantley einen Optimismus, der mich schon so oft hier überrascht hat. „Aber es wird sich etwas ändern. Es ist nicht mehr so kalt im Weißen Haus. Da gibt es welche, die sich kümmern“. In diesem Fall eine ebenfalls sehr engagierte Frau, die einige Erfahrung mit kommunaler Arbeit hat. Schon zweimal war das Büro von Michelle Obama am Telefon und bat um Informationen. Die First Lady besucht regelmäßig Suppenküchen wie „Miriams Kitchen“ in der Hauptstadt. Oder Notunterkünfte für Washingtons 12.000 Obdachlose, ein Viertel davon sind Kinder. Am 29. April hat die First Lady einen Termin in Lynn Brantleys kleinem Büro. Die Presse ist ausgeschlossen. Das könnte ein gutes Zeichen sein.

www.capitalareafoodbank.org

15.4.09 21:30

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