2555 Pennsylvania Avenue – Las Vegas – die Unterhaltungsmaschine

Las Vegas ist nichts für Amerika-Anfänger. Spätestens von meinem amerikanischen Wohnzimmer im beschaulichen Washington wird mir das klar. Las Vegas ist das Superklischee oder boshaft gesagt: die Quintessenz von Amerika auf ein paar Quadratkilometern. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Eine geschichtslose, zeitlose, perfekte Konsum- und Illusionsmaschine. Genau das will Las Vegas sein. Wer das nicht gut findet, hat hier nichts verloren. Schlimmer noch: Wer nicht mitspielt hat verloren und das ist so ungefähr das Schlimmste, was einem in diesem Amerika passieren kann.

Es gibt keine langsame Annäherung an diese Stadt. Sie muss irgendwann einmal als Ufo hier in der Sandwüste von Nevada gelandet sein, so wie das Flugzeug, das plötzlich in eine Suppenschüssel aus mattbraunen Bergen eintaucht, in deren Mitte die Skyline von New York, Venedig und Athen auftaucht. Sonst sieht man nichts, - nur Berge und Stadt. Am Boden angekommen, frisst mich die Stadt sofort auf. Das Taxi stürzt sich in die krakenähnlichen Lichterkettenarme und rast an blinkenden Reklamewänden vorbei zum Strip, dem Boulevard. Im größten Disneyland für Erwachsene gibt es keine Häuser, sondern nur Hotels, gigantische Betonmassen in Form von mittelalterlichen Burgen, europäischen Palästen oder einfach nur gläsernen Würfeln. Vom Weltraum aus, sagt man, ist Las Vegas der hellste Punkt auf der Erde.

Überflüssig zu sagen, dass die Unterhaltungsmaschine Tag und Nacht läuft. Wobei sie nachts einfach besser aussieht, weil die letzten Grautöne verschwinden. In den großen Hotels löst sich der Unterschied zwischen Tag und Nacht auf. Las Vegas hat keine Zeit. Im Hotel „New York New York“ hat sich um die zentrale Casino-Halle strahlenförmig ein Kulissen - New York ausgebreitet mit Geschäften, Bars, Restaurant, die mich davon abhalten sollen, das Etablissement zu verlassen. Gib Dein Geld hier aus! - schreit es aus allen Ecken, hier an der Hot Dog Bude, gleich neben den einarmigen Banditen, zwischen den brüllenden Lautsprechern oder Bildschirmwänden mit aktuellen Baseball-Spielen.

Nebenan im „Bellagio“ – es hat 3933 Zimmern, mehr als das italienische Dorf gleichen Namens Einwohner – kann man in den Stores von Hermes, Fendi oder Chanel mit Chips bezahlen und bei der Anprobe auf den riesigen Springbrunnen blicken, der – mitten in der Wüste – jede volle Stunde Fontänen spuckt, die so hoch sind wie das höchste Hotel. Als Berliner Großstadtpflanze fühle ich mich hier wie ein Gänseblümchen, reiße die Augen auf und laufe am Eiffelturm vorbei, am Arc de Triumph, am Casino von Monte Carlo und lande in Venedig.

Das Hotel „Venetian“ hat sich einen eigenen kleinen Dogenpalast gebaut, mit üppigen Ornamenten und Wasserspielen und Kanälen, auf denen Gondeln mit echten Menschen und falschen Gondolieris fahren. Die Touristen werfen Geld ins Wasser. Der Himmel färbt sich je nach Tageszeit blau oder abendrot; man sitzt in einer Trattoria und blickt auf schicke Boutiquen.

„Sieht das nicht aus wie Venedig?“, sagt eine amerikanische Bekannte. „Da musst du gar nicht mehr hinfahren, ist doch hier viel besser“. Natürlich. Es ist keimfrei und aseptisch. Es riecht nicht nach Fisch, Abfällen, und brackigem Wasser. Und nicht nach Kaffee, Wein – und natürlich gibt es keine Kerzen auf den Tischen. Sicherheitsrisiko. Für den Amerikaner, der – zumindest wenn er vom Land kommt – nicht sonderlich gern reist, eigentlich ideal.

Ich habe natürlich erst nicht verstanden, warum sich hunderttausende Menschen den ganzen Tag über durch den Casino-Dschungel schieben. Las Vegas hat 40 Millionen Besucher im Jahr. Collegegruppen, Bowlingclubs, Firmenausflügler, Heiratswillige und Herscharen von Kinderwagen bevölkern die Stadt zu jeder Tages- und Nachtzeit. Nach 12 Stunden habe ich es verstanden: Hier darf man alles, was man sonst nicht darf. Die amerikanische Prüderie ist außer Kraft gesetzt.

Menschen laufen mit Bierflaschen und Plastikcocktailgläser über den Strip. Fast jeder raucht und flippt die Kippen auf die Straße. Rund um die Uhr ist Spielstunde, keine Sperrstunde und die Mädchen tragen die kürzesten Minis, die ich je gesehen habe. „Sin City“: Mexikanische Straßenjungs in knallbunten T-Shirts – „Girls near by you!“ – reichen kleine Plastikkarten mit – komplett nackten Mädchen und Telefonnummer an die Passanten. Alles schreit und brüllt nach Sex, auf der Straße, in den Casinos, an den Bar-Theken. Sex. Sex. Sex. Money. Money. Money - Wie gesagt: Nichts für Anfänger.

21.5.09 23:55

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