2555 Pennsylvania Avenue – Die letzte…- und die erste Bismarck 99

So, das Abenteuer USA ist also vorerst vorbei. Wenn ich dies schreibe, sitze ich schon nicht mehr in der 2555 Pennsylvania Avenue, sondern in der Bismarck 99. Ich sitze nicht mehr auf meinem amerikanischen Sofa und gucke mir Amerika an, sondern ich sitze auf meinem Berliner Sofa und gucke mir Amerika an. Natürlich sehe ich es mit anderen Augen als ein Jahr zuvor und – natürlich stimmen alle negativen wie positiven Klischees über dieses Land, das nach wie vor die wichtigste Projektionsfläche für „Old Europe“ ist. Politisch wie kulturell. Machen wir uns nichts vor.



Letzte Woche war der 40. Jahrestag der Mondlandung. Ich saß als kleines Mädchen vor dem Schwarz-Weiß-Fernseher, der 2 Tage lang dauernd lief und kann mich gut erinnern, welche Aufregung in der Erwachsenenwelt herrschte. Meine Großmutter sang „Nur der Mann im Mond schaut zu“ und lachte etwas hysterisch, und mein Vater sagte so etwas wie: Das schaffen natürlich nur die Amerikaner, - als ob es 1957 keinen „Sputnik-Schock“ gegeben hätte. Mit noch nicht einmal 6 Jahren hatte ich natürlich keine Ahnung vom ideologischen Wettlauf in Zeiten des Kalten Krieges, aber ich begriff, dass diese komisch aussehenden Mondmännchen mit der amerikanischen Flagge etwas Besonderes waren. Dann folgten Flipper, die Sesamstraße, die Barbiepuppen, Saturday Night Fever, The Doors, Aerobic, Michael Jackson, - soweit die pubertierenden Projektionsflächen. Und ich rede hier nicht von politischen Dingen, von den „Sit in’s“ und „Hearings“ der 80er Jahre.

Amerika ist immer noch eine Trendmaschine. Wer ist noch ohne I-Phone und I-Pod in der Welt der unter 40jährigen? Wer revolutioniert das Fernsehen (und die Medien) mit neuen News Shows, die wir alle abkupfern – leider auch noch schlecht, muss man manchmal sagen, so wie beim neuen ZDF-Studio: Fernsehen für Analphabeten. Wer hat das Internet im Wahlkampf eingesetzt wie keiner zuvor? Barack Obama hat das Web als politische Kommunikationsform perfektioniert, Web 2.0 eben. Man kann das alles gut oder eben „typisch amerikanisch oberflächlich“ finden. Tatsache ist: Es beeinflusst unser Leben.

Ich habe letztes Jahr in kleinen Kampagnen-Büros der Demokraten erlebt, wie der Wahlkampf-Apparat von Obama funktioniert: Ein Heer von Freiwilligen hing monatelang am Telefon oder rannte von Tür zu Tür. Aber das wesentliche war das Internet: Hier haben sich die „Schwulen für Obama“ aus Fairfax verabredet, die „Mütter für den Wandel“ und die „Hauptstadt-Hispanics“ und alle haben diesen pseudo-persönlichen Brief „Dear Nana, - I count on you, Barack“ bekommen. Natürlich glaubte kein Mensch, dass Barack Obama diese Emails auch nur geschrieben hatte. Aber sie waren Teil eines Konzeptes, dass im Wesentlichen auf Kommunikation setzte, nach dem Motto. Wir wollen wissen, was Du denkst. Da wirken die rührenden Web-Tagebücher unserer Abgeordneten wie Poesiealben.

Es gibt zu jedem „Wow“ in Amerika natürlich ein Aber. Nach jedem Wolkenbruch fällt gern mal der Strom aus, was niemanden verwundert, der sich die Überlandstromleitungen ansieht, die mehr abstrakten Kunstwerken ähneln. Das angeblich modernste Land der Welt schickt zwar bald Menschen auf dem Mars, - aber das Wasser läuft in ozeanischen Wellen über die Straßen, weil die Kanalisation überfordert ist – oder gar nicht da. Es ist praktisch aussichtslos, ein Auto mit einem Spritverbrauch von unter 10 Litern zu kaufen. Und man kann jeden nur warnen, in die Notaufnahme selbst eines guten Universitätsklinikums zu gehen. Überhaupt das Gesundheitssystem! Die Amerikaner bezeichnen unseres genüsslich als „sozialistisch“. Mit dem Gesundheitswesen ist es wie mit den Stromleitungen: Was allen gehört – oder besser allen zu gute kommt – interessiert nicht. Individualismus pur. Ich bin gespannt, ob Obamas Solidaritäts-Masche daran etwas ändert.

Apropo Individualismus: Ich habe in keinem europäischen Land so eine bürokratische Regelwut erlebt wie hier. Und ich dachte, ein deutscher Rathausflur mit seiner „Beantragungsstelle für die Erwerbung eines Berechtigungsscheins“ sei nicht wirklich zu toppen. Auto anmelden in Washington? Ohne Social Security Number und Unterschrift des Vermieters ein vergebliches Unterfangen. Auch dann dauert es mindestens einen Tag. Als Lektüre sehr zu empfehlen ist das „parent handbook“ des Kindergartens, das auf 50 (!) Seiten auflistet, was alles nicht erlaubt ist, - also Schlagen, Nahrungsentzug, bis hin zu „Vermeiden Sie, dass Ihr Kind Spülmittel trinkt“. Eine der letzten Absätze hatte ich erst übersehen: Erst mit vier Jahren sollen Kinder auf der Straße allein laufen. An der Hand natürlich oder an einer Art Kinderleine, wie sie jetzt sehr modern sind in Washington – und bestimmt bald bei uns.

Okay wir können jetzt auch noch vom Essen reden. Von diesen tollen Restaurants, in denen man sofort nach dem Essen die Rechnung auf den Tisch geknallt bekommt. Schließlich bringt der nächste Gast auch noch Profit. Oder von der privaten Essenskultur. Es gibt alles zu kaufen - wirklich alles –, aber am liebsten geht man zum BBQ, - drauf, rein, fertig. Wir hatten dutzende solcher Einladungen…Das vergessen wir mal schnell.

Ja sie sind eben schnell. Schneller als andere. Auch wenn es darum geht, sich selbst zu korrigieren. Wenn auch nur verbal. Obamas weltweiter „Kuschel-Talk“ hat die Deutschen so weit eingelullt, dass sie laut jüngsten Umfragen am liebsten überlaufen würden. Dass die Amerikaner zum Beispiel in Afghanistan entgegen ihrer Schmuse-Rhetorik die Dinge zu allererst selbst in die Hand nehmen, ist den meisten hier überhaupt nicht bewusst. Aber das ist ja auch bequem so.

Nein, keine Häme. Ich sehe mit einigermaßen skeptischer Bewunderung auf die Konsequenz der Amerikaner, mit der sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, - da haben wir Deutsche noch nicht einmal den Titel für die Arbeitsgruppe gefunden. Kaum krachten die Banken, fanden sich die arbeitslosen Banker bei „After Work“-Job-Börsen. Diese „Hilf Dir selbst, sonst hilft Dir keiner“ – Mentalität kann nur haben, wer den Staat zutiefst verachtet. Da kommt man sich als Deutsche schon mal geradezu staatshörig vor.

Vielleicht ist es diese Dialektik zwischen unglaublicher Modernität und darwinistischem Beharrungsvermögen, die es so anstrengend macht, in diesem Land zu leben. Es so gar nicht „gemütlich“, - naja bestimmt gibt es in Neu-England oder Kalifornien oder irgendwo im Mittleren Westen schnucklige Ecken, ganz sicher. – Bye Bye Du Land meiner (Alp-)Träume, - ich komme wieder. Ich kann gar nicht anders.

30.7.09 13:43

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